BROMBEERE

Unlängst trug sich eine gar schauerliche Begebenheit zu. Jemand hatte mir eine große, getrocknete Brombeere geschenkt. Nichts weiter. Dabei handelte es sich allerdings um keine gewöhnliche Brombeere. Nein, sie war so groß und mächtig wie ein Pinienzapfen. Bei genauerem Hinsehen bestand sie gar aus vielen kleinen Brombeeren, schwarz und glänzend wie die Nacht. Ein seltsames Gefühl durchzog mich, als ich sie in der Hand hielt. Süßlich duftend und trotzdem rauh wie verbrannte Kohle. „In Milch lebt sie“, erinnerte ich mich an die Worte auf der Karte. „Leben“, dieses Wort traf mich ins Mark. Hatte ich doch schon lange nicht mehr von dieser süßen Frucht gekostet, seit die Welt aus den Fugen geraten war. Seitdem Vergangenes mich nicht mehr zur Ruhe kommen lies. „Geschwätz“, dacht ich, „Geschwätz!“ Nichts als Aberglaube angesichts eines so nichtigen Gegenstands. Doch ich wagte es dennoch. Ich wollte sie essen, verschlingen, und schnell war die Schale mit Milch aus dem tiefen Gewölbekeller gefüllt. Weißer Lebenssaft, den ich immer zu Tagesanbruch zu mir nahm. Ich tauchte die mächtige Beere hinein und ließ sie darin verharren. Nichts, nichts geschah. Stunden später lag sie noch immer in der Fayenceschale auf dem Holztisch, unverändert. „Bewiesen ist's“, schrie ich, „es ist nichts weiter!“. Was sollte da auch sein? „Närrisch nur, was anderes zu ahnen!“. Ich verharrte schweigend vor der Schüssel, treibend in Gedanken. Die kahlen Bäume peitschten vom Wind verführt an das alte Bleiglasfenster. Urplötzlich überkam mich Lust. Ich nahm die Frucht und biss gierig hinein. Ein gellender Schrei ertönte: vielfach, hundertfach. Erst jetzt erkannte ich, dass mich die Sammelfrucht aus tausend Augen anblickte. „O Hölle, was willst du von mir? Ist's nicht genug?“ Klagend, anklagend schauten mich diese Augen an. Wissend um mein Geheimnis und noch mehr. Es nützte nichts. Stück für Stück aß ich sie nun, süß und schwer schmeckte sie, während ihre ohrenbetäubenden Schreie meine Nerven zerrissen. Sie musste weg, restlos. Nichts mehr sollte von diesem dämonischen Wesen Zeugnis geben. Die ganze Schale leckte ich aus, bis ich erschüttert wahrnahm, was mir bislang offenbar verborgen geblieben war: Auf ihrem Boden stand ein Name geschrieben. Ein Wort, so entsetzlich, dass es mich bis ins Mark erschaudern ließ: SCHULDIG! Fiebrig versuchte ich, ihn wegzuwischen, aber er war eingebrannt in tiefen Schichten. Daraufhin zerschlug ich die Fayence – wie leicht das ging. Doch die Scherben auf dem Boden mahnen noch immer, klagen noch immer von den Schatten, die‘s mal gab. Ich ließ sie da und mied sie künftig. Das Zimmer verschloss ich und betrat es nimmermehr.
p.m. 09.02.2016