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Occhiali neri (I/F 2022, Dario Argento)

Dario Argento Werk habe ich erstmals 2012 so richtig erlebt, als ich es als Werkschau während des Cinestrange-Festivals in Dresden gesehen habe. Der rüstige ältere Herr war anwesend, gut gelaunt und ich ließ mir von ihm ein Mediabook signieren, ohne viel mit ihm zu sprechen. Denn ich war voller Ehrfurcht für den Mann, der meine Wahrnehmung von Horrorfilmen nachhaltig verändert hatte, als ich 2006 erstmals seinen 1977 gedrehten Film SUSPIRIA gesehen habe. Die kindliche Geschichte in einer von einer Hexe geleiteten Ballettschule war eine explosive performative Mischung aus Primärfarben, einschneidender Musik und Albtraumlogik. Als ich dann sein Gesamtwerk an jenem Wochenende sah, verstand ich, wieso die Auffassungen des Filmemachers Argento und seines Publikums über die Jahre so auseinander drifteten. Während sich die italienische Kinolandschaft und ihre Produktionsbedingungen Ende der 80er stark veränderten, er im Ausland arbeitete, Geldgeber finden musste und nicht immer die Schauspieler bekam, die er wollte, erwartete sein Publikum von ihm Filme im Stile seiner Anfangsjahre, in denen er noch wie Buster Keaton schalten, walten und improvisieren konnte, wie er wollte. Seine letzten Filme, THE CARD PLAYER, LA TERZA MADRE, GIALLO oder DRACULA 3D litten alle darunter, sich an der Vermarktung des Fernsehens orientieren zu müssen und vor allem wie in LA TERZA MADRE ersichtlich, viel zu niedrigem Budget. Man hatte den Eindruck, der Künstler Argento wurde hier zum Regisseur herabgestuft und konnte sich in dem engen Korsett nicht mehr entfalten. Denn eindrückliche Momente hatten diese Filme alle: die Veränderung Roms durch die Hexen in MADRE oder die wilde, erotische Waldwelt von Dracula 3D: hier sah man immer einen Künstler am Werk, dessen bewusst sperrige Filme man umso mehr liebens- und schätzenswert sind, weil er darin etwas wagt, auch unter dem Risiko, grandios zu scheitern.
Zehn Jahre sind nun vergangen und ich habe mich sehr gefreut, dass nach dem gescheitertem SANDMAN-Projekt, für dass ich sogar bei Kickstarter erfolglos gebackt hatte, und der Corona-Krise noch einmal ein neuer Film des Meisters kommt. Ein Film, bei dem ein Naturphänomen mit der Erblindung der Hauptfigur zusammenkommt. Argento konnte hier mit guten Leuten arbeiten, die offenbar verstanden, dass man hier Argento hatte und keinen x-beliebigen Regisseur. Und so sind besonders die ersten 20 Minuten voll von Stimmungen und Bildern, wie man sie von ihm erwartet. Sogar ein schöner Schwenk entlang der Hausfassade ist drin, aber ohne Kran, wie bei Tenebre, sondern mit viel stürzenden Linien, die sich dann in der nächsten Szene in den Hals des Opfers schneiden. Ein spektakulär inszenierter Unfall verändert dann alles, und es folgt ein Krankenhausaufenthalt à la Georges Franju, nur hat man hier nicht AUGEN OHNE GESICHT, sondern ein GESICHT OHNE AUGEN, denn die eingesetzte Blindheit der Hauptfigur verändert die Wahrnehmung. Der Verlust der Sehkraft wahr häufig Thema bei Argento, der Blinde in SUSPIRIA etwa oder in DIE NEUNSCHWÄNZIGE KATZE. Hier geht die Blindheit aber einher mit einer sozialen und persönlichen Transformation: das arrogante Luxusleben der Edelprostituierten mit großen Gemälden und schwarzem (!) Hausmädchen ist nun vorbei und einfachste Dinge müssen neu gelernt werden. Eine unbekannte KillerIn im Kleintransporter macht das Leben da nicht leichter. Sie, die nun völlig hilflos ist, bekommt Hilfe von einem chinesischen Kind, dessen Eltern bei jenem fatalen Unfall ums Leben gekommen sind und der selbst ein Aussenseiter in der xenophob dargestellten italienischen Gesellschaft ist, die ihn nicht als Kind, sondern immer als „chinesisches Kind“ bezeichnet. Von Polizei und Institutionen ist indes keine Hilfe zu erwarten, die Polizei agiert in diesem Film ausgesprochen dumm, es regiert einzig der namenlose Schrecken des wie in Carpenters CHRISTINE mit leuchtenden Scheinwerfern in der Nacht verschwommen auftauchenden, Lieferwagens. Weiß ist in Japan die Farbe des Todes, aber auch der Reinheit, ein schönes Spiel der Farbe mit Tod und Reinigung von der „Sünde“ der Prostitution, die in Italien noch immer illegal ist, weshalb das älteste Gewerbe der Welt in Süditalien oft in Nischen an Autobahnen und Landstraßen stattfindet. Als Betreuerin vom Blindenamt haben wir hier Asia Argento, die erstaunlich blass bleibt und wie falsch gecastet erscheint. Und neben vielen schönen Aspekten des Films, müssen wir somit auch auf dessen Probleme zu sprechen kommen. Hauptdarstellerin Ilenia Pastorelli ist 35, sieht aber nicht aus wie eine Edelprostituierte. Man stelle sich hier etwa Julia Roberts aus PRETTY WOMAN vor, die damals die Prostituierte Vivian gespielt hat und den Zuschauer magisch in ihren Bann zog. Bei Pastorelli hatte ich hingegen keinerlei Sympathie, schlimmer noch, eigentlich wünscht man ihr, dass es bald vorbei ist und der Zuschauer, der wie in OPERA schmerzhaft zuschauen muss und will, damit erlöst ist. Das Kind ist irgendwann nur noch Spielball und Katalysator der Handlung. Zusammen mit einem mehr als unbefriedigenden Ende, bei dem auch schöne Zitate aus Argentos früherem Werk nichts helfen, bleibt der Zuschauer ratlos zurück und wünscht sich, dass hier doch Hexerei im Spiel gewesen wäre, die die wildgewordenen Schlangen, leuchtenden Wälder und blutrünstigen Hunde in einer entfesselten Natur hätte erklären können. Was bleibt ist ein formal durchaus sehenswerter Giallo mit toller Musik und viel Dunkelheit, der etwas unausgegoren und falsch besetzt wirkt. Argento darf jetzt nicht aufhören, das hier kann nicht das letzte Wort, das letzte Bild gewesen sein. Für Argento-Fans durchaus im Werkkontext sehenswert. Bei der deutschen Veröffentlichung hat sich das Label ins Zeug gelegt und mit vielfältigem Bonusmaterial gelingt es sehr gut, dem Film noch einiges zu entlocken, dass bei der ersten Sichtung unentdeckt blieb. Neben Stefan Jungs schönem Booklettext überzeugte mich vor allem der Audiokommentar von Marcus Alexander Stiglegger, welcher sehr ruhig und exakt wirklich alles Gute, was es zu dem Film zu sagen gibt (sogar eine Rezension aus dem Filmdienst) zusammenträgt. Ebenso unerlässlich das Interview von Leonhard Elias Lemke, wo der Regisseur selbst zu wort kommt. Eine hervorragende Veröffentlichung von Pierrot le Fou für die Fans des Regisseurs, die keine Wünsche offen lässt. 6/10 (30.07.2022)

The Northman (USA 2022, Robert Eggers)

Gestern angeschaut, den neuen Film von Robert Eggers, für mich der interessanteste Filmemacher derzeit. Mit seinen zwei Filmen THE VVITCH und mehr noch THE LIGHTHOUSE hat er formal und inhaltlich bereits zwei bemerkenswerte Arbeiten abgeliefert. Nun also THE NORTHMAN: Die Rachegeschichte um Amleth, die später für Shakespeare als Inspiration für Hamlet diente, ist prinzipiell eine gute Vorlage, um eine neue Art von Wikingerfilm zu schaffen. Und Eggers kommt zudem vom Production Design, was man dem Film anmerkt: akribisch wurde hier versucht, die Welt der Wikinger auferstehen zu lassen. Historische Vorlagen existieren, etwa einen Helm, ein paar Stickereien aus Grabbeigaben – viele Details aus Museen weltweit wurden hier zu einem stimmigen Ganzen gefügt. Lediglich auf den Lidschatten, den Wikinger nach neuerer Forschung zufolge trugen, wird bei Eggers verzichtet.
Bei seinem ersten großen Film für ein großes Studio musste er hier allerdings zahlreiche Kompromisse eingehen: das Studio hatte viele Änderungswünsche, die er versuchte einzuarbeiten ohne sich dabei zu verraten. Es ist unklar, was im Film vom Studio kam und was von Eggers. Aber ich sehe hier zwei Ebenen. Die vielen martialischen Actionelemente, auch wo er das Schwert erobern muss, wirken nicht gut und auch: ziemlich langweilig inszeniert. Das hat man tausendmal schon in den unsäglichen Hobbit-Verfilmungen gesehen. Nicht einmal das Ende, dessen nackte Körper mich an THE LIGHTHOUSE erinnerte, konnte mich überzeugen. Diese Elemente sind für die Handlung zwar wichtig: richtig gut wird es vor allem aber im Mittelteil: dort verschmelzen Realität und Mythos und finden eine beeindruckende visuelle Form. Das Bild mit dem Schiff und Yggdrasil, der Weltesche etwa. Nur auf die Ziege Heidrun, die laut Edda-Versdichtung die Blätter des Weltenraumes frisst, hat man verzichtet. Aber eine prominente Ziege gäbe es ja schon mit Black Philipp in Eggers The VVITCH. Es gibt so viel Gutes in diesem Film: die drapierten Körper am Dach, die Szene mit Odin und den Raben, der Seher, die Musik aber vor allem: Die Besetzung! Ethan Hawke als verwundeter Vater Aurvandil ist schon toll in seiner Schicksalsergebenheit, Willem Dafoe als Heimir der Narr ist atemberaubend, aber die größte Überraschung: Nicole Kidman als Königin Gudrún, mit eisiger, fast die Leinwand zerreißender Ausstrahlung. Eine ihrer besten Rollen. Björn als Sklavenhexe fasziniert ebenfalls und den Llorona-artigen Schrei der Walküre wird man so schnell nicht vergessen. Eggers schrieb das Drehbuch mit Sjón Sigurdsson und dadurch fühlt man sich als Zuschauer erstgenommen und in eine glaubwürdige Welt der Wikinger versetzt. Auch wenn wir kaum Texte aus jener Zeit haben, bezweifle ich doch, dass die Dialoge wirklich so simpel ausgefallen sind. Denn da ist kaum etwas, an das man sich nach dem Film erinnern kann. Nach Eggers Film wirken die Bilder, die Musik, die Stimmungen allerdings nach und lassen einen so schnell nicht los. THE NORTHMAN ist ein lohnender, aufrichtiger Film, auf den man sich mit allen Sinnen einlassen und auch ein paar Augen zudrücken muss. Für Freunde nordischer Mythologie ist er sehr lohnend. Eggers hat angekündigt, nun wieder freiere, kleinere Filme machen zu wollen. THE NORTHMAN wirkt auf mich wie Kubricks SPARTACUS: man fühlt den genialen Filmemacher in jeder Szene, und trotzdem wirkt er unausgeglichen. 7/10 18.07.2022)

Scum (UK 1979, Alan Clarke)

Zusammen mit zahlreichen jungen Protagonisten kommen wir in die abgeschlossene Welt einer britischen Korrektionsanstalt, „borstal“ genannt. Das folgende Geschehen könnte man irgendwo zwischen Stanley Kubricks A CLOCKWORK ORANGE und Pier Paolo Pasolis SALÓ ansiedeln. Während die beiden genannten Filme aber auf ihre Art bewusst überzeichnen, um ihre Botschaft zu vermitteln, ist Alan Clarkes Film SCUM ein Vertreter des „British realist cinema“ und das macht ihn so besonders: hier wird uns nicht nur ein Gefühl vermittelt oder unser Intellekt stimuliert, sondern schnell werden wir selbst zu einem der Insassen, deren Alltag wir Zeuge werden. Wenn der Brief vorgelesen wird, wie es der Frau geht, wenn das Radio ins Zimmer kommt, wenn die Klingel unbeantwortet bleibt, wenn sich der Jüngste über die Nachricht neugeborener Hunde freut, wenn sich Archer ausspricht, oder der Schrecken im Treibhaus, dann merken wir: dieser Film ist ganz besonders, und schwer, in Worte zu fassen. Ich würde mich dazu hinreißen lassen, ihn als einen der besten britischen Filme aller Zeiten zu bezeichnen, dessen Eindruck auf mich selbst Kubrick verblassen lässt. 9/10 (19.03.2022)

The Brute (UK 1977, Gerry O'Hara)

Wenn man verstehen will, was sich hinsichtlich Frauenrechten seit den 70ern getan hat, der sollte sich THE BRUTE anschauen. Obwohl Diane ihren wohlhabenden Ehemann liebt, lebt sie in einer toxischen Beziehung, die regelmäßig in Gewalt umschlägt. Als sie daraus zu Freuden flüchtet, einem Fotografen und seiner schwarzen Freundin, wird durch die sich ergebenden Konsequenzen der englischen Gesellschaft der Spiegel vorgehalten. Trotz des ernsten Themas gerät der Film aber nie zu einem moralischen Stück der Betroffenheit, wie man es im deutschen Kino erlebt. Ähnlich eines Paul-Schrader-Films jener Zeit gibt es keine Hemmung, Sex und Gewalt auch dort zu ausinszenieren, wo es für die Handlung wichtig ist. Umso betroffener bleibt man am Ende als Zuschauer zurück und ist entsetzt, wie mittels geschliffener Sprache und eingeübter, noblen Verhaltensweisen die ganze Barbarei verdeckt wird, aus der nur Außenstehende einer jungen, neuen Zeit eine Rettung verheißen. Beeindruckend! 8/10 (18.03.2022)

El fantasma del convento (MEX 1934, Fernando de Fuentes)

Steckte die mexikanische Tonfilmindustrie 1933 bei LA LLORONA noch in ihren Kinderschuhen, ist sie bereits ein Jahr später in EL FANTASMA DEL CONVENTO ganz erwachsen geworden. Gleiches geht auch für das Thema, denn es geht um Sünde und Begehren zwischen zwei Freunden und einer Frau; und welch besserer Ort könnte dafür gefunden werden, als ein geheimnisvolles, altes Kloster? Wer denkt, das sei hier ein hundertjahrealter Vorläufer der Netflix-Abstinenzserie FINGER WEG, liegt falsch. :-) Fernando de Fuentes ist im wahrsten Sinne des Wortes ein äußerst vielschichtiger, spannender, blendend gespielter und umgesetzter Film, der auch heute noch zu fesseln vermag. So vieles, was im Film geschieht, lässt einen bleibenden Eindruck beim Zuschauer: das mächtige Holzkreuz, welches die mysteriöse Kammer versperrt, die Asche auf den Tellern, der Sturm, die leere Gruft, die manipulative Frau, der mysteriöse Hund, das steinerne Bett, die leeren Korridore bei Nacht, die handgeschriebenen Bücher und das überraschende Ende. Keine Frage, THE PHANTOM OF THE MONASTERY, wie er auf Englisch heißt, ist zu einem meiner liebsten frühen Horrorfilme überhaupt geworden. 8/10 (18.03.2022)

La Llorona (MEX 1933 Ramon Peon)

Die Ankunft des Tonfilms war für die mexikanischen Kinobetreiber ein großes Problem: man konnte nicht mehr einfach die Zwischentitel übersetzen, und so verstand der Großteil des Publikums seine Helden auf der Leinwand nicht mehr. Ramón Peón und Fernando de Fuentes unter anderen ist es zu verdanken, dass Mexiko begann, seine eigenen Tonfilme zu drehen. Für den ersten mexikanischen Horrorfilm bediente man sich der mythologischen Figur „La Llorona“, zu deutsch „Die Weinende“ oder „Die Wehklagende“. Die Legende erzählt von dem Geist einer Frau, die um ihre Kinder weint, die sie zuvor eigenhändig in einem Fluss ertränkt haben soll. Ihr Erscheinen gilt meist als Vorbote für den Tod. Peón macht daraus eine ziemlich aktuelle Geschichte um falsche Versprechungen und Lügen mit zahlreichen Rückblicken in die Kolonialzeit um Hernan Cortez. Diese Rückblicke sind von besonderer visueller Oppulenz: Feinste, bestickte Kleidung, unzählige Halskrausen, die großen Reichtum symbolisieren stehen im krassen Gegensatz zur Schlichtheit der betrogenen Aztekin, die ein Kind vom Konquistador hat. Diese moralische Geschichte, auf welche die Horrorelemente aufsetzen, hätte so auch von Murnau stammen können, der damals auch in Mexiko sehr bewundert wurde. Überraschend wirkungsvoll waren damals auch die Doppelbelichtungseffekte, verbunden mit dem charakteristischen Schrei der Llorona: viele Zuschauer glaubten an deren Echtheit und stürmten entsetzt aus dem Kino. Obwohl von dem 35mm-Film leider nur eine 16mm-Kopie existiert ist er ein schönes Zeugnis des frühen mexikanischen Tonfilms. 6/10 (17.03.2022)

A Time for Dying (USA 1969, Budd Boetticher)

Ein junger Farmerssohn mit jungenhaftem Pfadfindergesicht kommt in den Wilden Westen von Jesse James, rettet eine junge Frau vor der Prostitution, wird mit ihr von einem irren Richter verheiratet und alles läuft auf das wohl schockierendste Ende in der Westerngeschichte hinaus. Regisseur Budd Boetticher wollte mit diesem Film seinem alten Freund Audie Murphy helfen, der in Las Vegas Geldsorgen hatte. Es sollte der letzte Spielfilm Boettichers sein, der in den 50ern mit einer Reihe von Western um Randolph Scott große Erfolge feierte. Ich liebe A TIME FOR DYING, wegen seiner rätselhaften Charaktere, der naiven Hauptfigur, die wie ein Parsifal daherkommt, der Landschaft und der grandiosen Schlussszene, die andeutet, dass alles auf alle Ewigkeit so weitergehen wird. Schon in der ersten Einstellung mit dem Hasen und der Schlange wird allegorisch das Thema gesetzt, welches den Film beherrschen wird. Ein sehr ungewöhnlicher Film, dessen Regisseur alle Genrekonventionen egal sind. 7/10 (15.03.2022)

Meet Me in St. Louis (USA 1944, Vincente Minelli)

Eskapistische Unterhaltung in Kriegszeiten? Damit die Illusion gelingt, die Stadt St. Louis um 1903 wiederauferstehen zu lassen, wurden allein 200.000 Dollar des Gesamtbudgets in Höhe von 1,9 Millionen für die Errichtung einer ganzen Nachbarschaft ausgegeben. Der Aufwand hat sich gelohnt: In seinem ersten großen Film gelingt Vincente Minelli eines der besten Filmmusicals überhaupt. In dieser Verfilmung der Kurzgeschichten von Sally Benson, die einst im NEW YORKER veröffentlicht wurden, ist der Halloween-Handlungsstrang am ungewöhnlichsten. Die fünfjährige Tochter Tootie, die viel morbide Phantasie besitzt, kommt darin an Halloween unter Tränen nach Hause und behauptet, der Freund ihrer Schwester hätte sie geschlagen, eine surreale Situation, die fast schon Buñuel-Züge trägt. Minelli gelingt es in jenem feurigen Fiebertraum, der perfekten Kulissenwelt zu entfliehen und es war dieser Handlungsstrang der Grund, wieso er die Regie doch annahm, nachdem George Cukor verhindert war. In MEET ME IN ST. LOUIS sind die besten Handwerker am Werk: jede Blume am Fenster, jedes Blatt ist künstlich und wirkt zugleich so echt. Der Ausblick aus dem Fenster ist in Perfektion perspektivisch gemalt, selbst das Licht flackert und ändert seine Farbgebung. Wir erleben eine scheinbare Realität, wie wir sie uns in unserer Erinnerung wünschen. Neben der unterhaltsamen Handlung, die mehrere Monate im Leben einer Familie im Jahr vor der großen Weltausstellung 1904 beleuchtet, sind besonders die Details so gut umgesetzt: Die Szene, in der Esther und John das Licht der Lampen löschen, um sich unausgesprochen näher zu kommen, ist meisterlich inszeniert: die mechanischen Lampen aus glänzenden Messing laden das Musical plötzlich kurzzeitig mit dem Realismus eines Jean Renoir auf. Eine Tomatensuppe samt ihrer Herstellung, einen Braten oder das Telefon an der Wand wird man nie wieder vergessen. Das ganze Haus ist mit seiner Holzvertäfelung und Bleiglasfenstern, dem reichhaltigen Tischschmuck, der auch hier zu einer der einprägsamsten Szenen führt, ist mit viel Liebe ausgestattet. Das war kalkuliert: Damit der drohende Umzug von St. Louis nach New York besonders schrecklich wirkt, setzten Minnelli und Freed viel Energie in die Filmsets, die möglichst beeindruckend und schön wirken sollten: aus St. Louis will auch der Zuschauer nie mehr weg, im Film ist es ein Sehnsuchtsort. Selbiges gilt für die Kostüme von Irene Sharaff, die verschwenderisch oft gewechselt werden. Judy Garland sagte von diesem Film, dass sie sich hier erstmal schön gefühlt habe. Und sie hat Recht damit: eine der schönsten Großaufnahmen der Filmgeschichte hat sie in der Szene, in der sie das berühmte Weihnachtslied singt. Dessen Text fiel in der Urfassung übrigens deutlich düsterer aus: „Have Yourself a Merry Little Christmas, It may be your Last. Next Year we will all be living in the past“ und wurde auf Wunsch von Garland abgeändert. Seitdem wurde es zu einem der beliebtesten Weihnachtslieder überhaupt. Die Lieder sind allesamt ein Fest und es war neu, dass sie in die Handlung integriert waren und sie vorantrieben. Der Technicolor-Film wurde nun in Perfektion für die Blu-Ray von Warner Archive Collection restauriert. Dazu wurden die einzelnen Farbstreifen gescannt und digital entzerrt, so dass sie wieder den Bildeindruck bieten, wie 1944: Farbkino in Perfektion, dass heute noch so zu fesseln vermag wie damals. MEET ME IN ST. LOUIS ist nun neben Robert Wises THE SOUND OF MUSIC zu einem meiner liebsten Filmmusicals geworden. 9/10 (12.03.2022)

Gardens of Stone (USA 1987, Francis Ford Coppola)

Ein Film, der auf dem Friedhof spielt: genauer gesagt, auf dem Militärfriedhof in Arlington, Virginia. Dort werden die täglich eintreffenden Soldaten beerdigt, die aus Vietnam eintreffen, wie die Zinnsoldaten gefallen in einem ernüchternden Krieg der Hoffnungslosigkeit, an den niemand mehr so recht glauben mag. Francis Ford Coppolas Antikriegsfilm sagt viel über den Militarismus aus, gerade deshalb, weil er beide Seiten aufrichtig portraitiert: das Militär genauso wie die Demonstranten. Dazu lotet er tief das Menschsein aus: der Sergeant Hazard, der vom Zweiten Weltkrieg desillusioniert „wenigstens Einen“ vor dem Tod bewahren will, seine pazifistische Freundin, die ihm Halt gibt, der schneidig-naive Jackie Willow, der als junger Soldat seinem Einsatz in Vietnam mit Idealismus entgegensieht und für den fünf Minuten mit seiner Freundin alles sind, bis ihm der Krieg „wie ein ganzes Leben“ erscheinen wird. Coppola gelingt hier ein beeindruckendes Psychogramm, das auch heute noch in Zeiten der scheinbar kalkulierbaren, kriegerischen Drohungen seine Wirkung nicht verfehlt. 7,5/8 (17.02.2022)

Falbalas (F 1945 Jacques Becker)

Das erste Mal in Kontakt mit den Filmen von Jacques Becker kam ich vor 18 Jahren durch die Schriften François Truffauts, der über den Filmemacher sagte, dass seine Filme abseits aller Theorien und Stile stünden und sehr persönlich seien. Und in der Tat: Beckers Mutter war in der Modebranche zuhause (sie führte ein Modehaus in der Rue Cambon, in der Nähe von Chanel), er selbst war mit dem Modeschöpfer Marcel Rochas befreundet. In FALBALAS sehen wir Clarence, hauptberuflich Modeschöpfer und außerdem Schürzenjäger. Wie ein Vampir stellt er seinen Musen nach und lässt sie fallen, sobald sie ihm das gegeben haben, was er suchte: Inspiration. Beckers Filme wirken aufrichtig und man wird sofort in sie hineingezogen auf eine Weise, wie ich das bislang nur in den Filmen von Jean Renoir erlebt habe. Kein Wunder, denn Becker war jahrelang sein Assistent und hat von ihm gelernt: der geschickte Einsatz von Großaufnahmen ist ebenso wirkungsvoll wie die präzisen Kamerafahrten und gezielt eingesetzten Schwenks. Schon allein die lange Szene im Fahrstuhlschacht! Die Filme von Jacques Becker zeigen mir immer wieder auf, wieso ich das Kino so unendlich liebe. Scheinbar einfache Szenen wie das Tischtennis in der Mitte des Film, schaffen eine enorm starke, erdrückende Wirkung, mit einfachsten Mitteln. Ein wegfliegender Schwarm Spatzen oder ein Schwenk zu einem verdorrten Baum visualisieren, was gerade im Inneren abläuft. Für Jean-Paul Gaultier, der den Film im Alter von 13 Jahren gesehen hatte, war FALBALAS der Grund, selbst Modeschöpfer zu werden. Bis heute ist er verblüfft, wie echt das Milieu dargestellt wird: wie in beengten Verhältnissen auf Hochdruck bis zum Schluss gearbeitet wird, wie Clarence den Stoff wirft, sitzt, urteilt, agiert. Davon erzählt er in einem enorm interessanten halbstündigen Interview auf der Blu-Ray der 4K-restaurierten Fassung von Studio Canal, die derzeit auch in den französischen Kinos läuft. Empfehlung! 8/10 (17.01.2022)

Giornata nera per l'ariete (Der schwarze Tag des Widders, IT1971, Luigi Bazzoni)
Eine Silvesterparty der Reichen und Schönen, seltsame Blicke, Weitwinkel und Lochblende, verzerrte Stimme eines Killers dazu Morricone-Musik: kein Zweifel, wir sind im Reich der Gialli. Diese Bezeichnung für italienische Thriller kommt vom gelben Einband der Heftroman-Reihe IL GIALLO MONDADORI und hatte im Entstehungsjahr des Films seine Hochphase. Ein Jahr zuvor hatte Dario Argento bereits mit DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN HANDSCHUHE die Messlatte hochgelegt. Regisseur Luigi Bazzoni war damals einer der ungewöhnlichsten und progessivsten Regisseure Italiens und lieferte hier einen Film ab, den ich ohne Umschweife als einen der schönsten Gialli aller Zeiten bezeichnen würde. Der Cousin des Regisseurs ist Kameramann Vittorio Storaro und selten habe ich einen so gut fotografierten und ausgearbeiteten Film gesehen: praktisch jede Einstellung ist eine Augenweide und wert, großformatig reproduziert eingerahmt zu werden. Gleichzeitig ist das Visuelle hier auch Programm: Während die Welt des Bürgertums mit grandioser Architektur aufwartet, voller Architektenhäuser, Designerlampen, Brillen, Gemälde, modernen Kaminen, edlen Tiefgaragen und eindrucksvollen Plätzen und Parks, ist das Leben von Andrea, des Reporters, von Alkohol und Zerrissenheit gezeichnet. Prostituierte unter Autobahnbrücken, die sich eine "Zigarette danach" am Lagerfeuer anzünden, stehen im Kontrast zu privaten Sexvorstellungen für die Reichen, die sie mit ihrer nagelneuen Canon Super-8-Kamera filmen. Passend dazu liefert Ennio Morricone eine wirklich umfangreiche Musik, die vom loungigen Titelthema ins Atonale bis hin zur Spieluhr reicht. Sieht man diesen Film heute, 50 Jahre später in der erstmals in Deutschland durch das Label Filmart herausgebrachten Blu-Ray, staunt man nicht schlecht, wie gut der Film gealtert ist, aber auch, was unserem Kino heute fehlt. Immerhin haben wir Dominik Graf, der diese Filme explizit als Inspirationsquelle für sein Werk nennt und mit ähnlicher Inszenierung und Einfallreichtum aufwartet. Kein Wunder, DER TAG DES SCHWARZEN WIDDERS ist eine große Entdeckung und eine bleibende Inspirationsquelle. Ein Film, dessen visuelle Brillanz mich nachhaltig beeindruckt hat. Absolute Empfehlung! 8/10 (9.1.2022)

Il portiere di notte (Der Nachtportier, IT 1974, Liliana Cavani)

Die erste Sichtung des als Skandalfilm bekannten DER NACHTPORTIER (1974) ließ mich vor 15 Jahren etwas verwirrt zurück: die Liebesgeschichte zwischen einem ehemaligen SS-Offizier und seiner Insassin Lucia wirkte auf mich hochgradig konstruiert und exploitativ. Wir haben da Dirk Bogarde, der sich durch seine Darstellung in Luchino Viscontis TOD VON VENEDIG (1971) für alle Zeiten in die Filmgeschichte eingeschrieben hatte und eine junge Charlotte Rampling, die ich enorm wegen ihrer späteren Rollen, vor allem François Ozons SWIMMING POOL (2003) mochte. Die Zweitsichtung in diesem Jahr anlässlich der mustergültigen Veröffentlichung des Heimkino-Labels WICKED VISION ergab ein differenziertes Bild. Diesmal hat mich vor allem beeindruckt, welche Zeit und welcher Ort hier gewählt wurde. Wir kommen in ein tristes Wien der Nachkriegszeit, in welchem die Verbrecher der Vergangenheit noch am Leben sind und in dem Leugnung und Verdrängung auf der Tagesordnung stehen. Die ehemaligen Nazis, die nun bürgerlichen Berufen nachgehen, sind nun in einer Art Selbsthilfegruppe organisiert. Selbsthilfe im Sinne von aktiver Vertuschung, die auch nicht vor Verbrechen zurückschreckt. Im Hotel erleben wir eine Art ZAUBERBERG à la Thomas Mann voller weltfremder Figuren, die allerdings auch in ihrer Vergangenheit gefangen sind und deren Wünsche Max stoisch erfüllt. Mit dem Eintreffen von Lucia werden wir Zeuge des explosionsartigen Aufflammens einer Liebesgeschichte, immer wieder durchzogen mit Rückblenden in die Zeit des Verbrechens. Cavani hatte neben ihrem Filmstudium klassische Literatur und Linguistik studiert und für Dokumentarfilme über die Nazizeit zahlreiche Zeitzeugen interviewt. Als Motivation für DER NACHTPORTIER erzählt sie in dem hervorragenden Interview im Bonusmaterial, dass sie „das Gefühl, dass sie beim Zuhören dieser Geschichten empfand, auf die Leinwand bringen wollte.“ Es sollte eine Liebesgeschichte sein, „wie Schmetterlinge auf einem Misthaufen“. Denn für sie „war dieser Film eine Liebesgeschichte, angesiedelt auf dem fürchterlichsten Ort auf der Erde.“ Dank des Interviews wissen wir nun, dass sie keineswegs einen oberflächlichen Naziploitation-Film schaffen wollte, oder einen Film, der in der SM-Community gutgeheißen würde. Ähnliche Angebote, wie der später von Tinto Brass inszenierte SALON KITTY (1976) lehnt sie folglich entschieden ab. Zwar kann der Film klar so gelesen werden, worauf das Bonusmaterial (vor allem die umfangreiche Featurette DER NACHTPORTIER ALS SADICONAZISTA von Dr. Marcus Stiglegger) intensiv eingeht. Für mich zeigt dieser Film jedoch vielmehr, dass es kein Ende der Grausamkeit gibt. Das Liebespaar kann seiner Vergangenheit nicht entrinnen. Die Schergen und Schatten der Vergangenheit sind noch allgegenwärtig, genauso, wie der graue, trostlose Putz an den Fassaden keine Hoffnung mehr ausstrahlt. Egal, wie bedrückend die Umstände sind, scheint dieser Film nur den beiden zu gehören, niemand anderem. Nicht einmal dem Zuschauer. 7/10 (8.11.2021)

SQUID GAME (Südkorea 2021, Originaltitel: 오징어 게임 Ojingeo Game, Regie: Hwang Dong-hyuk)

Die erfolgreichste Netflix-Produktion aller Zeiten? In über 90 Ländern auf den Spitzenplätzen? Derartige Superlative konnte man in den letzten Wochen zuhauf lesen, hinzu kommen noch Kontroversen über Gewalt auf deutschen Schulhöfen von Kindern, die das in Korea beliebte, titelgebende Tintenfischspiel nachspielen. Wenn man genauer hinschaut, sieht man in Hwang Dong-hyuks Serie SQUID GAME vor allem ein Bild unserer Zeit, verpackt in Parabel- und Metapherform. Und diese Welt ist in keinem guten Zustand: Schaltet ein Zuschauer der FSK16 freigegebenen Serie heute die Nachrichten an, erlebt er Berichte über illegale Kriege, Folter, Vertreibung, Überwachungsstaaten und in allen Ländern wachsende Ungleichheit zwischen Arm und Reich, die die derzeitige Krise noch verstärkt hat. Es musste vermutlich erst ein Südkoreaner kommen, um aus diesem Cocktail mit Hilfe der Filmkunst eine Fiktion zu erzählen, die unter die Haut geht, uns tief hinunterzieht und uns dann die Zustände unserer Wirklichkeit neu sehen lehrt. Denn der Ausgangspunkt vieler der in Squid-Game erzählten Schicksale ist soziologischer Natur: Südkorea hat die höchste Suizidrate aller OECD-Länder. Wachsende Ungleichheit, fehlende soziale Absicherung, hohe Haushaltsschulden, Konformitätszwang und ein ungemeiner Leistungsdruck haben das Land geprägt. Dieses Klima lässt viele der Protagonisten sprichwörtlich alles in ihrem Leben auf die eine Karte setzen und sie werden reif für die Insel des Grauens, die alles über sie weiß. Hwang Dong-hyuks Erzählweise hat mich an die von Ronald D. Moore erinnert, dem Produzenten von STAR TREK: THE NEXT GENERATION und vor allem FOR ALL MANKIND, worin eine spannende actiongeladene Handlung den Rahmen bietet für aufrichtige, wahre, persönliche und durchaus moralische Geschichten, die eine Wonne für gute Schauspieler ist. Und bis auf Oh Young-soo, den ich aus Kim Ki-Duks meisterlichem FRÜHLING, SOMMER, HERBST, WINTER ... UND FRÜHLING kenne, zeigt die Serie in der Tat talentierte, neue Gesichter. Endlich gibt es mal tiefe Charaktere zu beleuchten statt der hohlen, allein handlungsgetriebenen Abziehbilder anderer Netflixserien. SQUID GAME will uns auch nicht mit der Form überwältigen, hier wird versucht, ein möglichst naturalistisches Bild der Alltagshölle zu zeigen. Die Kameraarbeit wird erst dann exquisit, wie auch die Bauten, wenn die Spiele beginnen. Dann ertönt AN DER SCHÖNEN BLAUEN DONAU von Johann Strauss, mit dem schon Kubrick die vermeintlichen Sphärenklänge des Alls im Dreivierteltakt darstellte. Hier verwandelt sich der Walzer allerdings in diesem Kontext zu etwas Grauenhaften und erinnert an die dröhnende Wagnermusik, mit der die Nazis ihre Häftlinge in den KZs beschallten und diese für ihr Leben lang eine Aversion dagegen entwickelten. Denn wir sind hier in einem seltsamen, gefährlichen Zwischenreich, dass mich stellenweise an Kubricks letzte Filmidee AI erinnerte, wo Schuberts UNVOLLENDETE erklang. Schön auch der rosafarbene Raum, wenn es zu den Spielen geht und der in seiner Orientierungslosigkeit an die Werke von Maurits Cornelis Escher erinnert. Mit dieser Versuchsanordnung wird Macht demonstriert und vor allem Machtmissbrauch: dabei musste ich auch immer an einen ähnlich gelagerten Film denken, nämlich Pier Paolo Pasolinis DIE 120 TAGE VON SODOM, in dem Fürsten, Bischöfe und Präsidenten in dem faschistischen Marionettenstaat Republik Salò ihr sadistisches Unwesen treiben. Pasolini geht zwar noch viel weiter, aber SQUID GAME versteht es geschickt, die richtige Mischung zwischen notwendiger Drastik der Gewaltdarstellung und der Geschichte zu finden, die sie dem Zuschauer mit Glassplittern auf die Netzhaut schreiben will, damit er sie nicht vergisst. Herausragend! 8/10 (2.11.2021)

Fernes Land Pa-Isch (D 1994, Rainer Simon)

Regisseur Rainer Simon war bereits über 50 Jahre alt, als er 1993 mit FERNES LAND PA-ISCH einen Film inszeniert, der genau so wild ist wie der Jugendliche Protagonist selbst. Denn Umbertos Weg von der Enge der erzgebirgischen Kleinstadt zu einem anderen, sehnsüchtig herbeigetäumten Land in Afrika verläuft anders als gedacht. Kommt er im Westen an, blickt er in eine Welt voller bunter Lichter, Verlockungen, Zerrbildern und Abgründe. Die Odyssee des Jugendlichen auf der Suche nach seiner Identität wird in starken Bildern und fast fragmentarischen Szenen erzählt, unterstützt von intensiven Klängen. Seine Mutter wird gespielt von Renate Krößner, die im gleichnamigen Film SOLO SUNNY (1980) noch sagte „Hinfallen, heulen ja, auch mal ein paar Tabletten zu viel, aber dann aufstehen und weitermachen.“ Hier im Film ist sie hingegen hilflos, mit der neuen Situation zurechtzukommen, so dass ihre Kinder allein die neue Zeit bewältigen müssen.
Simons Film ist nicht so handzahm wie das fast schon dokumentarische Kino der Nachwendezeit, weshalb der Film so viel mehr ist als seine bloße Inhaltsangabe verheißt. Wir tauchen hier ein in aufregende, überhöhte filmische Welten, die in ihrer Zügellosigkeit etwa an Enzo G. Castellaris THE RIFFS – DIE GEWALT SIND WIR (1990) erinnern. Kreuzberg wirk hier so endzeitlich und dystopisch wie das dortige Booklyn der Motorradgangs.
Simon arbeitet hier neben einem Staraufgebot aus alten DEFA-Zeiten mit Laiendarstellern und lässt auch zu, dass sie ihre Dialoge abändern, was den Film erfrischend lebensecht wirken lässt. Hier erklingt – anders als heute – keine sterile Theatersprache, sondern echter Dialekt mit allen Ausprägungen.
In einem Interview von 1993 sagte Simon: „Bei den Vorbereitungen zu 'Fernes Land Pa-isch' war ich zum Glück sehr naiv. Heute weiß ich leider schon ziemlich genau, was machbar ist und was nicht, wie meine Kollegen aus dem Westen. Da weiß man dann, welches Risiko Sinn hat und welches nur Zeitverschwendung ist. Die Zensur findet wieder in den Köpfen statt. Man bescheidet sich.“
Die FSK verstand den von Studio Babelsberg produzierten Film völlig falsch und gab ihn zunächst als FSK18 frei. Erst im Widerspruchsverfahren wurden die Intentionen des Films verstanden und mit der Entscheidung „ab 16“ akzeptiert. Leider erfuhr der Film 1993 keine große Kinoauswertung und wurde erst 2000 im Fernsehen gezeigt. Das ist schade, denn Simon ist hier ein fulminanter Beitrag über die deutsche Wende-Wirklichkeit gelungen, der echtes, kraftvolles Kino ist und gesehen werden muss. 8/10 (25.10.2021)

Hellraiser (Das Tor zur Hölle, GB 1987, Clive Barker)

In seiner ersten Regiearbeit verfilmte der britische Horrorautor Clive Barker eine Geschichte um einen Zauberwürfel, der einen Haken hat. Denn die auf INDIANA-JONES-Manier eingeführte Spieluhr in Würfelform stößt sprichwörtlich das Tor zu Hölle auf, wo es ziemlich sadistisch zugeht. Franks Erleben der dortigen Fleischeslust ist allerdings nur von kurzer Dauer. Sein farbloser Schwager zieht anschließend in die leergewordene Immobilie ein, zusammen mit seiner fotografieaffinen neuen Frau, die von EYES-WIDE-SHUT-Phantasien besessen ist. Als die Umzugshelfer nicht schnell genug ihr Feierabendbier bekommen, reißt dem Hausherren nicht nur die Geduld, sondern auch die Ader, wodurch sein toter Schwager auf wundersame Lovecraftweise ein blutiges Ticket ins Diesseits bekommt und sich nun Stück für Stück akklimatisieren muss. Glücklicherweise kennt seine Schwägerin die eine oder andere einsame Freierseele, die dabei unfreiwillig behilflich ist. Alles könnte in der Welt der jenseitigen Beziehungsformen so gut laufen, wäre da nicht die Argentoschönheit von Tochter, die einen Strich durch die Rechnung macht. Barkers Film ist ein erfrischender Eintrag in das große Buch der Horrorfilmreihen gelungen und auch wenn die Geschichte recht hanebüchen wirkt, folgt man ihr gerne in diese seltsame Welt, da man ohnehin keine Sympathien mit den Darstellern hegt. Die Figur des offenbar an übermäßiger Akkupunktur zugrunde gegangenen, fast schon aristokratisch und erhaben auftretenden Pinhead ist interessant und ikonisch zugleich. Ein unterhaltsamer Film, der schöne, handgemachte Effekte und Einfälle bietet und sogar trotz der ernsthaften Grundhaltung für den einen oder anderen Spaß gut ist. Ich bin gespannt auf Teil 2. 8/10 (12.10.2021)

CORONOIA 21 – IT COMES WITH THE SNOW (D 2021, Robert Sigl)

Eben IT COMES WITH THE SNOW gesehen. Ich finde es bemerkenswert, wie hier das Smartphone genutzt wird, um trotzdem keinen Kompromiss bei den filmischen Mitteln zu machen, was man ja so oft erlebt. Das Lovecraft-Zitat zu Beginn gibt die Stimmung vor, denn der Protagonist erlebt den unerklärlichen Schrecken von Außen. Heißt es bei THE COLOUR OUT OF SPACE noch all began with the meteorite heißt es hier it comes with the snow and now they are flesh and blood. Durch die Transformation der Natur wird bislang Bekanntes unbekannt, Heimliches unheimlich. Schon allein das farbige Haus beim Blick aus dem Fenster erinnert mich an eines der Hexenhäuser aus den Argentofilmen, auch SUSPIRIA wurde in München gedreht. Man sieht den Protagonisten durch München laufen, glaubt es zumindest, denn gelegentlich wird das Geschehen spiegelverkehrt, der Schneefall wird immer dichter. Ich musste auch an Murnaus NOSFERATU denken, wo während der Kutschfahrt die Natur immer kahler wird, je näher er dem Schloss kommt. Ein Treppenhaus wirkt mit seinen Gitterstäben wie ein Gefängnis. In den scheinbar sicheren vier Wänden angelangt, wird die feindliche Außenwelt mit dicken blutroten Vorhängen zugezogen. Ein Weihnachtsbaum verheißt Friede auf Erden und Erlösung von der Finsternis. Doch genau hinter ihm beginnt sich das Schrecken erneut zu entfalten. Die expressiven Schlussszenen sind vieldeutig in ihrem Schrecken. Die schützende Maske, die in die Psyche gedrungen ist, wird ausgespien. Es bleibt erfreulich unklar, ob das nun das Ende ist, oder die Katharsis. Ein intensiver, atmosphärischer Kurzfilm, der mich sicherlich noch eine Weile gedanklich beschäftigen wird. Inspirierend! Unbedingt erwähnen muss ich noch die Musik, die mir ausgesprochen gut gefallen hat.

THE SHADOW OF THE CAT (Schatten einer Katze, UK 1961, John Gilling)

Die Menschen sind die eigentlichen Schurken und das „Monster“ unter den Guten? Das kennen wir spätestens schon seit Tod Brownings FREAKS von 1932, in dem die Mißgebildeten die wahren Helden der Geschichte sind. Spätestens seit Alfred Hitchcocks bahnbrechenden Film PSYCHO von 1960 waren dergleichen Charakterisierungen wieder interessant geworden, und so kam aus den Hammer Studios (auch wenn dieses hier nicht ausdrücklich so genannt wird) ein Jahr später SHADOW OF THE CAT auf die große Leinwand der Double Features. Bei einer Katze muss man unweigerlich an den psychologischen Horror eines Edgar Allan Poe denken, und so ist es kein Zufall, dass die alte Dame gleich zu Beginn zwar nicht DIE SCHWARZE KATZE, sondern aus dem viel bekannteren Gedicht DER RABE zitiert und die Stimmung vorgibt. Wie bei Poe ist ein Tier hier der Auslöser, um die verdrängte Schuld der Protagonisten aufbrechen und zum bestimmenden Thema werden zu lassen. Aber mich interessierte hier nicht so sehr die Handlung, sondern wie es inszeniert wurde. Man sieht ein herrliches, in schwarzweiß gefilmtes Herrenhaus im Dartmoor, das offenbar baufälliger ist als gedacht. Das scheppernde Automobil, mit dem die beiden Polizisten anreisen trägt viel zur Atmosphäre bei und das menschenfressende Moor wird sehr plastisch bei seinem Werk dargestellt, so dass es fast an Zeitlupe erinnerte. Man könnte sich stellenweise in William Castles THE OLD DARK HOUSE wähnen, wenn da nicht die besagte Katze wäre. Diese taucht immer mal wieder auf und man ist als Zuschauer anfangs auch geneigt, sich amüsiert zu fragen, wieso man vor dem Tier Angst haben sollte. Als es dann einen nach dem anderen durch geschickte Impulse ins Jenseits befördert, staunt man nicht schlecht über die Rache des ansonsten liebenswürdigen Tieres. SHADOW OF THE CAT ist sicher kein Meilenstein des Genres und vieles davon hat man so schon irgendwo gesehen. Das Zusammenspiel der einzelnen Elemente macht aber dennoch Spaß, der subtile Humor ist da auch liebenswürdig. Als die gierigen Verwandten anreisen und über die Familie herziehen, musste ich zwangsläufig an Vinterbergs DAS FEST denken. Interessant! 6/10 (03.08.2021)

THE CURSE OF THE MUMMY'S TOMB (Die Rache des Pharao, UK 1964 Michael Carreras)

Ein amerikanischer Schausteller will eine ägyptische Mumie als ganz große Attraktion vermarkten und gerät ins Spannungsfeld zwischen dem britischen Ausgräber und der Mumie selbst. Ich musste hier etwas an den biblischen Zwist zwischen Moses und Aron denken: King als Showman Aron, der den Leuten ihr Goldenes Kalb zum Anbeten geben will und Moses als englischer Sir Giles, der jede Kommerzialisierung konsequent ablehnt. Verblüffend gut ist hier das Setting gelungen: das Grab und die Gegenstände wirken einigermaßen authentisch und interessant, eines der Highlights ist auch die Präsentation in William-Castle-Manier (mit Kapelle und Lichtausschalten). Während die britischen Ausgräber mit ihren Gin- und Tabakgegerbten Gesichtern samt Akzent herrlich steif wirken, sorgt die Figur des Amerikaners für viel turbulenten Humor. Nur das Ende fällt meiner Meinung nach, auch wegen geringer Schauspielkunst, etwas ab. Interessanter Weise wurde Jeanne Roland wegen ihres starken Akzentes nachsynchronisiert: mit einer Stimme mit nur leichtem französischen Akzent. Insgesamt einer der vergnüglichsten Filme mit Mumienthematik, die ich kenne. 6/10 (28.06.2021)

MANIAC (Die Ausgekochten, UK/F 1963, Michael Carreras)

Drei Jahre, nachdem Alfred Hitchcocks Film PSYCHO die Filmwelt nachhaltig verändert hatte, brachten die britischen Hammer Studios den Film MANIAC heraus. Das war damals nichts Ungewöhnliches: Castle, Polanski und andere schwammen bereits erfolgreich auf der thematischen PSYCHO-Welle. Hier rankt sich die Geschichte um einen amerikanischen Künstler, gespielt von Kerwin Matthews, der in einer konfusen Romanze mit einer älteren Frau ist und gleichermaßen ein Auge auf die Stieftochter wirft. Es entspinnt sich eine Geschichte um Vergewaltigung, Mord und irre Killer. Allerdings nimmt man dem kühlen Matthews in keiner Sekunde den Liebhaber ab, die einzige Liebe: die man in dem Film spürt ist die des Kameramannes Wilkie Cooper zu seiner teuren Location. Denn man hat sich nicht lumpen lassen und in der Camargue in Frankreich gedreht. Wenn sich im Amphitheater in Arles das Bild weitet und man sich in einem Film von Michelangelo Antonioni wähnt, hat man noch Hoffnung mit dem Film, der da schon seit einer halben Stunde auf der Stelle tritt. Doch vergebens, lediglich der Steinbruch mit seiner Verfolgungsjagd gegen Ende lässt noch etwas altmodisches Universal-Horror-Feeling der frühen 30er erahnen. Ein Film, der seine Momente hat, mich aber zu keiner Zeit gewinnen konnte. 5/10 (21.03.2021)

THE TINGLER (Schrei, wenn der Tingler kommt, USA 1959, William Castle)

Als Alfred Hitchcock 1966 in der Diskussionsrunde „Frankfurter Stammtisch“ auftrat, wurde er als „der Gruselmann“ eingeführt. Ich fand das immer etwas befremdlich, weil ich sein Werk deutlich vielschichtiger wahrnehme. Wenn es aber einen gibt, der seine Filme exakt auf die Reaktionen des Publikums zuschnitt, dann ist es William Castle. In seinem Film THE TINGLER manifestiert sich diese umsatzträchtige Eigenschaft, Angst zu empfinden, sogar in Form eines Parasiten, der an der Wirbelsäule wächst und nur durch Geschrei getötet werden kann. So wie die Protagonisten den „Tingler“ suchen, sucht Castle den „complete terror“ beim Publikum. Denn Castles Filme waren vor allem ein Ereignis, das man hautnah erleben konnte, wie man in Joe Dantes Film MATINEE (1993) sehen konnte, der sich lose an Showman William Castle orientiert. Für THE TINGLER verkabelte er ausgewählte Sitze, damit er elektronische Reize ins Publikums schicken konnte, um den gewünschten Effekt zu erzielen: Geschrei an der passenden Stelle, das ansteckend sein sollte. Neben diesen physischen Reizen setzte er aber auch optische und akustische ein, etwa wenn das monochrome Bild plötzlich blutrot wird oder von Mono auf Stereo schaltet, wodurch der Zuschauer nicht mehr weiß, ob die Schreie wirklich aus dem Publikum kommen, oder er es sich nur einbildet. Unverkennbar lehnt er sich fast filmisch an Alfred Hitchcock an und schafft eine Suspense-Szene nach der anderen und tritt sogar selbst zu Beginn des Filmes auf. Selbst das Titelmotiv des Films erinnert stark and den einen Jahr zuvor kurz erschienen VERTIGO, in dem Bernard Herrmann den Zuschauer mit seiner musikalischen Spirale in den Bann zieht. Die große Stärke von THE TINGLER ist eindeutig Vincent Price. Er trägt den Film mit einer sympathischen Gelassenheit und Ruhe, so dass man als Zuschauer in Kauf nimmt, was er „im Dienste der Wissenschaft“ an Unsäglichkeiten begeht. Die Kreatur in Star Trek 2: THE WRATH OF KHAN werde ich nach diesem Film wohl nicht mehr so furchteinflößend finden, wie ich das in meiner Jugend getan habe, da sie doch sehr vom Tingler inspiriert zu sein scheint. Sehr empfehlenswert. 7/10 (10.03.2021)

THE GORGON (Die brennenden Augen von Schloss Bartimore, UK 1964, Terence Fisher)
Auf einen Blick: Gorgonin Medusa heißt hier Megaera und taucht am liebsten bei Vollmond auf, um schlangenbewehrt regelmäßig Waldbesucher versteinern zu lassen. Ursprünglich hatte ich den üblichen Hammer-Budenzauber erwartet und wurde doch sehr positiv überrascht. Denn wir sehen hier echte Menschen auf der Leinwand: Peter Cushing spielt das Drama seiner inneren Zerrissenheit rätselhaft und intensiv, Barbara Shelley als Carla vermittelt glaubhaft, wieso sich alle um sie reißen und Christopher Lee als Professor aus Leipzig, der wie Albert Einstein geschminkt werden wollte, zeigt aufmunternd, dass man auch in hohem Alter agil und sportlich sein kann. Regisseur Terence Fisher wurde hier noch einmal in die Hammer-Studios geholt, um Columbia zu zeigen, was das Studio kann, damit ihre Filme weiterhin auch in den USA vertrieben werden können. Und dabei wird man nicht enttäuscht: neben der glaubhaften, düster-romantischen Geschichte glänzt der Film durch ein beeindruckendes Setdesign. Man hat wirklich das Gefühl, dass es diese Orte gibt. Das Schloss ist eine der schönsten Filmkulissen, die ich kenne und man wird es so schnell nicht vergessen. Toll, wie Fisher mit viel herumfliegendem Laub die Kulissen lebendig werden lässt! Die Maske der Medusa, pardon, Megaera, hätte noch etwas glaubwürdiger sein können, aber das verzeiht man gern. Ganz groß und poetisch sind die Reflexions-Szenen im Brunnen und an den Spiegeln. Und wie visuell wirkmächtig ein abbrechender Finger doch die Handlung zu Beginn auf unheilvolle Weise auffächert. Auf Anhieb einer meiner liebsten Hammer-Filme, eben gerade weil mal eine neue Figur abseits der Universal-Monsterkiste beleuchtet wird. 7/10 (9.1.2021)

The Tall T (UM KOPF UND KRAGEN, USA 1957 Budd Boetticher)
Das Leben im Nirgendwo des Wilden Westen ist keine Basis für ein gutes Familienleben. Erst stirbt die Ehefrau, dann durch Schurkenhand Vater und Sohn. Randolph Scott nimmt es mit stoisch-aristokratischer Miene hin und ist ein beeindruckender Held dieser bunten Film-noir-Geschichte um falsche Lebensentwürfe, mangelnde Bildung und Geld als falschen, gierigen Ratgeber. Die Wüste Kaliforniens stellt die beste Kulisse als Gleichnis für die Probleme der Protagonisten dar. Die ausgenutzte Ehefrau ist übrigens Maureen O’Sullivan, die Mutter von Mia Farrow. Formal und inhaltlich ein herausragender Western, der gerade wegen des geringen Budgets zeigt, worauf es ankommt. 7/10

5 AGAINST THE HOUSE (USA 1955, Phil Karlson)
Vier befreundete Studenten kommen in während eines Kasinobesuchs in Reno auf die Idee, selbiges mit viel vorheriger Planung auszurauben. Ronnie, gespielt von Kerwin Mathews, führt dabei als Argument ins Feld, dass man einmal im Leben bei etwas Erster gewesen sein müsse. Dergleichen Allmachtsphantasien Dostojweskischer Prägung haben wir auch schon einmal in Hitchcocks ROPE erlebt, nur war dort kein Überfall, sondern ein Mord im Zentrum der Überlegung. Ein vergnüglicher Film mit guten Dialogen, vor allem wegen des guten Ensemblespiels, dem man gerne zuschaut. Dem raffinierten Parkhaus-Stapelsystem wurde hier ein für allemal ein (blutiges) Denkmal gesetzt und die Notwenigkeit der Behandlung von Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) unterstrichen. Besonders erwähnenswert ist die junge Kim Novak, die ein paar Jahre später in VERTIGO Kinogeschichte geschrieben hat. Auch wenn ihre Singstimme durch Jo Ann Greer synchronisiert wurde, ist sie hier die klassische Film-Noir-Schönheit par excellence. Martin Scorsese erwähnte einmal, dass sein Film CASINO durch 5 AGAINST THE HOUSE beeinflusst worden sei. 7/10 (26.12.2020)

CHRISTMAS HOLIDAY (Weihnachtsurlaub, USA 1944, Robert Siodmak)
Eine Sängerin verliebt sich in einen ehemals wohlhabenden Mann, der aber seine Mutter mindestens so sehr liebt wie Norman Bates. Robert Siodmak wusste um das heiße Eisen, das er mit der Verfilmung von W. Somerset Maughams Roman anfasste und schaffte den Spagat zwischen Hayes Code und Inzest, Prostitution und Homosexualität der literarischen Vorlage. Obwohl die Thematik im Film von Citizen-Kane-Autor Herman J. Mankiewicz stark abgeschwächt wird, geht die Inszenierung aufs Ganze: die Kamera zeigt so viel Licht und Schatten (spektakulär die Geländer in New Orleans, Bäume mit Schatten von Louisianamoos) wie selten. Indem man Gene Kelly und Deanna Durbin entgegen ihrer Typen besetzt hat, kommen viele Zwischentöne in deren Darstellungen. Interessant auch, wie lange die Musikszenen dauern: die Messe in der Kirche dauert ebenso lange wie der Ausschnitt des "Liebestodes" aus der konzertanten Aufführung von Wagners TRISTAN UND ISOLDE. Grandios die Beleuchtung, als Kelly und Durbin am Klavier die harmonische Ehe vorgaukeln und dabei im Dunkeln sind, während die omnipräsente Mutter hinten ihr Netz des Schicksals webt. Obwohl der Production Code eine tiefergehende Charakterisierung verhindert hat, sehen wir hier Gene Kelly in einer seiner besten Rollen. 7/10 (25.12.2020)

THE UNDERCOVER MAN (ALARM IN DER UNTERWELT, USA 1949, Joseph H. Lewis)
Glenn Ford als Frank Warren spielt einen kleinen Finanzagenten, der mit raffinierten Mitteln, Ehrlichkeit und viel Durchhaltevermögen einem Gangsterboss von Al-Caponeschen Ausmaßen auf die Schliche kommen will. Ich habe lange mit mir gerungen, wieso dieser Film nach mehrmaligem Sehen nicht so recht bei mir zünden will. An Barry Kelley als Gauneranwalt Edward O'Rourke à la Better Call Saul lag es nicht, ganz und gar nicht an der hervorragenden Regie, mit aufwändigen Kamerafahrten, Massenszenen, Kammerspielszenen oder den intelligenten Dialogen. Der Film, basierend auf dem Artikel "He Trapped Capone", in der Autobiographie von Frank J. Wilson krankt an Glen Ford, der eine passable Darstellung liefert, aber mehr eben nicht. Vielleicht ist es zwar treffend, den Helden des Films immer im Zweifel zwischen dem Dranbleiben am Fall und der Aufgabe samt Rückkehr zur Bauernhofidylle seiner Frau zu zu spielen, dem Film tut es aber nicht gut. Der interessanteste Charakter des Films ist der schurkische Anwalt, wegen dem man den Film schon gesehen haben sollte. Es bleibt ein sehr gut inszenierter, fast schon dokumentarischer Film, den man lieben will, der aber an der Mittelmäßigkeit des Hauptdarstellers krankt. Inhaltlich ist der Film, etwa beim Austausch der Jury, aber akkurater als DePalmas THE UNTOUCHABLES. 6/10 (23.12.2020)

THE LINEUP (DER HENKER IST UNTERWEGS, USA 1958, Don Siegel)
Gleich zu beginn des Films werden wir in eine turbulente Verfolgungsjagd mitten in San Francisco hineingezogen: ein Polizist wird mittels Kopfschuss durch die Frontscheibe getötet, und als der Zuschauer so richtig sprachlos ist, prangt in dicken Lettern der Titel auf der Leinwand: THE LINEUP. Ursprünglich als Ableger der gleichnamigen, erfolgreichen TV-Serie gedacht, lebt dieser späte FILM NOIR vor allem von seinen Schauplätzen: Wir sehen das Hotel und die Legion of Honor aus Vertigo, Fisherman’s Wharf, ein prächtiges Privathaus, das Steinhart Aquarium im Golden Gate Park, die Sauna Seaman’s Club und vor allem das Meerwasser-Hallenbad Sutro Baths, hier als Eisbahn, welches ein paar Jahre später durch Spekulation und Brandstiftung verschwunden war. Wie in Vertigo spielt die Stadt hier eine große Rolle und bietet mehr als nur die Bühne für die kriminelle Handlung des Drogenschmuggels. Die Stadt, die regelmäßig von Erdbeben heimgesucht wird (die nicht fertiggestellte Autobahn etwa ist 1989 völlig bei einem Beben zusammengestürzt) mischt auch die Karten der Edel-Gauner im Film ständig neu, die sich so überlegen wähnen. Selbst nebulöse THE MAN, der hinter allem steht kann sich nicht seiner Macht nicht sicher sein. In Verbindung mit seinen Drehorten bietet der Film viele einprägsame Momente, etwa, als Dancer im Moment größer Spannungen dem kleinen Mädchen beim Scharfstellen des Fernglases hilft. Dass der zwielichtige Schurke Dancer, hervorragend gespielt von Eli Wallach in seiner ersten Filmrolle, hier mit einem eigenen, zynischen Agenten aufwartet, ist ein spitzer Kommentar Don Siegels auf das Hollywood-Studiosystem. 8/10 (21.12.2020)

ESCAPE IN THE FOG (USA 1945, Budd Boetticher)
Kein Traum von einem Film, sondern ein Film von einem Traum: eine Armeekrankenschwester mit hellseherischen Fähigkeiten träumt, wie einer Mann von Gangstern auf der Golden Gate Bridge ermordet wird. Als sie exakt diesen Mann daraufhin im wahren Leben trifft, beginnt sie zu verstehen, dass er in tödlicher Gefahr ist. Eine der ersten Regiearbeiten von Oscar Boetticher Jr., der später als talentierter Westernregisseur Weltruhm erlangte und von André Bazin gefeiert wurde. Obwohl die Spionagegeschichte als Standard-B-Picture daher kommt, sieht man, wieviel Mühe in den Film geflossen ist: Die Dialoge sind präzise, das Schauspiel (herausragend: Otto Kruger) überdurchschnittlich und mit solider Kameraarbeit. Boetticher selbst sagte, er habe sich soviel Mühe gegeben, als sei es VOM WINDE VERWEHT, was er zu inszenieren hatte. 6/10 (19.12.2020)

THE GARMENT JUNGLE (UMS NACKTE LEBEN, USA 1957, Vincent Sherman & Robert Aldrich)
Der Sohn eines Textifabrikanten kehrt aus dem Koreakrieg zurück und eigentlich wähnt man nun eine glückliche Firmennachfolge. Aber in der Textilfabrik des Vaters ist der Wurm drin: um die Gewerkschaft fernzuhalten arbeitet der Vater aus Gewohnheit mit Kriminellen zusammen. Ein Aufzug stürzt in die Tiefe, ein Telefon stellt Drohanrufe durch oder ein Messer geht auf. Doch der Sohn hat nach dem Krieg gelernt, sich nicht mehr verbiegen zu lassen und ein gesundes Gespür bekommen, was richtig und falsch ist. Robert Aldrich und Vincent Sherman gelingt in diesem Film Noir ein Meisterstück: die Geschichte um den Aufstieg der Gewerkschaft und ihrer Gegenspieler im Garment District von New York wird mit großartigen Schauspielern (Gia Scala als Theresa oder Lee J. Cobb als Fabrikant) erzählt. Dass man viele Außenaufnahmen wirklich dort gedreht hat, bestärkt den Realismus der Darstellung. Schon eine der ersten Szenen um den Gewerkschaftler Renata beeindruckt: mit seinem Baby im Arm läuft er minutenlang durch eine Tanzveranstaltung, während es todernste Angelegenheiten zu besprechen gibt. Oder wie sich Therese aus Scham zum Stillen im Restaurant wegsetzt – überhaupt das ganze Thema um Mutterschaft in dieser wilden Welt einschließlich sozialem Abstieg wird facettenreich dargestellt. Kerwin Mathews als schneidiger Sohn Alan Mitchel wirkt von Anfang an wie ein Mann der Zukunft, einer positiven Zukunft, der sich die alten Kräfte noch widersetzen, aber nicht entrinnen können. Eines der besten Dramen der 50er – auch eines der gewalttätigsten – dass einen von Anfang bis Ende atemlos lässt. 7/10 (15.12.2020)

DRIVE A CROOKED ROAD (AUF GEFÄHRLICHER STRASSE, USA 1954, Richard Quine)
Die Frau deiner Träume hat Interesse an dir und es ist zu schön, um wahr zu sein? So geht es dem Protagonisten Eddie Shannon, ein durch und durch sympathischer Film-Noir-„Mann ohne Eigenschaften“. Zumindest oberflächlich betrachtet, denn hinter seiner schüchternen Fassade brennt der Mechaniker für den Rennsport, hat Ideale und feste moralische Vorstellungen. Eine große Narbe auf seinem Gesicht deutet darauf hin, dass vieles in seinem Leben anders verlaufen ist, als er es sich vorgestellt hat. Der Zuschauer wird Zeuge, wie er schrittweise in eine verführerische Hochglanz-Unterwelt gelockt wird, die hinter ihrer attraktiven Fassade mit bodenloser Niedertracht aufwartet. Dieser zu Unrecht kaum bekannte Film wartet mit zahlreichen Überraschungen auf. Mickey Rooney, einst Kinderstar und All American Good Guy, spielt die ernste Hauptrolle des Antiheldens mit brillanter Subtilität; die smarten Edel-Gangster, die wie Kopien von Montgomery Clift wirken, authentisch und mit homoerotischem Unterton, und Dianne Foster als ausgenutzte Ganovenbraut Barbara ist anbetungswürdig und zerrissen zugleich: eine der schönsten Frauen, die ich auf der Leinwand gesehen habe! Dazu kommt noch eine solide Regie, die in den dramatischen Szenen genauso wie in den achterbahnartigen Rennszenen in Malibu und Los Angeles überzeugt. Fans schöner, historischer Automobile kommen hier noch zusätzlich auf die Kosten, auch da ist der Film eine Augenweide. Das Drehbuch dieses vielschichtigen Films schrieb übrigens Blake Edwards. 7/10 (12.12.2020)

COLOR OUT OF SPACE/DIE FARBE AUS DEM ALL (MYS, PRT, USA 2019, Richard Stanley)
Von H.P. Lovecrafts berühmter Short Story „Die Farbe aus dem All“ gibt es mittlerweile zahlreiche filmische Adaptionen. Besonders hervorzuheben ist die deutsche Produktion DIE FARBE von Huan Vu, welche die Handlung so geschickt in ein schwarz-weißes, scheinbar Edgar Reitz’ HEIMAT entsprungenem Baden-Württemberg verlegt, dass sie eine der besten Verfilmungen des sperrigen Stoffes darstellt. Denn Lovecraft arbeitet mit verschiedenen Zeitebenen und deutet vieles an ohne dass ausreichend passiert, um einen ganzen Spielfilm zu füllen.
Richard Stanleys fast zweistündige Verfilmung des Stoffes macht alles richtig, er umgeht zahlreiche Fallstricke der Story und bleibt dem Geist der Geschichte treu, ohne zu langweilen. Geschickt bringt er etwa die Figur des Landvermessers mit der Zeitebene der Gardeners zusammen, eine geniale Idee. Dadurch wird die Erzählung auf der Leinwand viel dichter. Außerdem erleben wir die Protagonisten hier als echte Menschen mit Problemen: die Mutter arbeitet gestresst online in Finanzgeschäften auf dem mit einem expressionistischen Fenster versehenen Dachboden, der Vater ist eine Art „Hobby-Farmer und Bourbon-Kenner“ wie ihn die News frech beschreiben und frisch in die Einöde gezogen wie Jean de Florette bei Marcel Pagnol. Auch die Kinder werden interessant charakterisiert, vor allem die Tochter, die das Necronomicon auf dem Nachttisch liegen hat. Diese schrecklich nette Familie wächst einem mit ihren Schwächen schnell ans Herz. Das Haus der Gardeners ist herrlich gespenstig und erinnert an Kings Shining-Serie aus den 90ern mit ihrer irrealen Beleuchtung der Fenster. Lediglich der Garten sieht arg künstlich aus, auch ohne bösartige Farbe, die bald alles falschfarben und faul werden lässt. Dafür umso herrlicher: wuschelige Alpakas, die hier bald zu ALL-Pakas werden. Der verschrobene Einsiedlernachbar könnte ein Direktimport aus Twin Peaks sein, eine Art Dr. Jacobi, und ergänzt das Bild perfekt. Das ist das besondere: alle Charaktere sind interessant und liebenswürdig gezeichnet, besonders aufgrund ihrer Schwächen, das ist auch wichtig, damit wir anschließend mit ihnen leiden können. Nicolas Cage als Familienvater scheint erstaunlich prominent besetzt, aber er macht das durch sein Spiel schnell vergessen, das mich bald in seinen Bann zog. Wir erleben hier eine seiner besten Rollen in seiner Karriere. Es ist eine Wonne, ihm dabei zuzusehen, wie er sich anfangs nervös kratzend und hilflos blickend versucht, der Situation zu stellen, und dann immer weiter in den Wahnsinn abgleitet. Auch Joely Richardson spielt gut die Ehefrau, wobei sie mich immer wieder auf positive Weise an Laura Dern erinnert. Stanley schafft es meisterlich, wie John Ford in wenigen Sätzen seinen Figuren eine Persönlichkeit zu geben, die den Zuschauer fesselt. Besonders loben will ich die Spezialeffekte, die hier ausgezeichnet sind, vom Einschlag des Meteoriten, bis zu der veränderten Natur, aber auch den geisterhaften Farbblitzen im Wald, die der Landvermesser bemerkt. Vor allem aber auch am Ende, mit dem Verwischen des Gesichts, das mich an die Wurmlocheffekte in Robert Wises ikonischem Star Trek The Motion Picture erinnerte. Der Körperhorror ist dort, wo er nötig ist, wirksam eingesetzt und abstoßend wie schön zugleich, etwa wenn das Gesicht merkwürdig wie Lava leuchtet. Diese Meisterschaft verhindert das große Problem der Story: obwohl die meisten wissen, wie die Geschichte um DIE FARBE AUS DEM ALL ausgeht, ist es eine Freude, dem bunten und tödlichem Treiben zuzusehen, weil hier ein geschicktes Drehbuch auf einen visuell beeindruckenden Experimentalfilmtrip trifft. Dass Anfang und Ende so wunderbar aus dem Buch zitiert werden und damit auch die Sprache Lovecrafts gewürdigt und gefeiert wird, rundet das Ganze ab. Hervorzuheben ist auch die Musik, komponiert vom kanadischen Jazzmusiker Colin Stetson, die einprägsam, drastisch und schön zugleich ist und mit ihren Bässen unter die Haut geht. Gelungen! 9/10 (11.05.2020)
Der Film ist bei Koch Films in mehreren, hervorragenden Editionen erschienen, von denen besonders die Ultimate Edition ein Prachtstück in jeder Sammlung darstellen dürfte. Unter den zahlreichen Extras befinden sich sogar auch meine beiden experimentellen Lovecraft Adaptionen THE GARDEN und COLOR OUT OF SPACE.

THE MANITOU (CA/USA 1978, William Girdler)

Dass unfreiwillige Schwangerschaften teuflisch unangenehm enden können, wissen wir spätestens seit ROSEMARY‘S BABY von 1968. Im zehn Jahre später gedrehten THE MANITOU, einer ziemlich genauen Verfilmung des Romans von Graham Masterton, wächst das Grauen gar auf dem Rücken heran. Genauer gesagt: ein mächtiger Medizinmann, der sich wegen des Genozids an den US-Ureinwohnern vor 400 Jahren an den Weißen von heute rächen möchte. Die Themen des Körperhorrors, die dafür bedient werden, sind seit William Friedkins Welterfolg THE EXORCIST (1973) und Cronenbergs Œuvre nicht neu. Dennoch erstaunt mich der Film, wie er die erste Stunde versucht, die scheinbar absurde Geschichte glaubhaft und spannend aufzubauen. Es werden Seancen abgehalten, okkulte Fachgeschäfte aufgesucht, ein Professor besucht, der extra dafür seine verstaubte Dachbodenbibliothek zeigt und Sprüche entschlüsselt, aber auch der Massenmord an den Indianern angesprochen, als der Medizinmann helfen soll. Passend, dass für die scheinbaren Erdbeben als Kulisse San Francisco ausgewählt wird, dessen Aufnahmen moderner, steriler Hochhausbauten in schönem Kontrast zum Landleben der Native Americans und ihren Mythen steht. Schön auch die Idee der Deformation, weil moderne Röntgentechnik offenbar nicht zuträglich für die fleischliche Reinkarnation ist. Das Filmende ist zwar konsequent, kann aber heute nicht mehr ganz überzeugen. Regisseur Girdler war damals ganz im Star-Wars-Fieber und wollte etwas Ähnliches. Ich frage mich, wie das damals gewirkt haben muss, denn zwei Jahre später kam Robert Greenwalds XANADOO heraus, der ähnliche Szenen bot wie in LASERSTURM (ein deutscher Titel von THE MANITOU). Tony Curtis im Cast zu lesen verwirrte mich zunächst etwas. Er spielt den abgehalfterten Wahrsager, der alte Damen aufmuntert, aber sehr glaubhaft und sein passend eingestreuter Humor gibt die richtige Würze. Leider war es der letzte Film von Regisseur William Girdler, der im Alter von 30 Jahren bei einem Flugzeugabsturz auf den Philippinen ums Leben kam. 7/10 (30.04.2020)

HARD TO HANDLE (USA 1933, Mervyn LeRoy)
Als sein Partner das Preisgeld eines Tanzmarathons stiehlt, muss er sich eine Menge einfallen lassen, um die Gewinner zu versöhnen. James Cagney gaunert sich voller spitzbübischem Charme durch diese frühe Pre-Code-Komödie der 30er Jahre, die noch ganz ungezwungen daherkommt und man sich noch auf den Mund küsste. Highlight ist die Schatzsuche ohne Schatz, bei der Hunderte Teilnehmer einen ganzen Vergnügungspark verwüsten. Aber auch die raffgierige Mutter der Freundin ist ein starkes Stück oder die reiche, betagte „Influenzerin“, mit der er sich um standesgemäße Entlohnung streiten muss. Ein kleines Juwel aus dem Warner Archive. 7/10 (23.04.2020)

DOCTOR SLEEP (UK/CA/USA 2019, Mike Flanagan)

Filmische Fortsetzungen von Kubrick-Werken haben es immer schwer. Als Peter Hyams 1984 eine Fortsetzung zum epochalen Vorgänger „2001 - A Space Odyssey“ drehte, schuf er einen durchaus passablen und unterhaltsamen Film, der aber darüber hinaus so wenig vergleichbar war wie ein Fertigteilhaus mit einer Kathedrale. Bei „Doctor Sleep“, einer Adaption des Romanfortsetzung von Stephen King, verhält es sich ähnlich. Hier sehen wir sogar kurzzeitig während einer Reise im Knoten eine Kathedrale, der Film traut sich aber nicht, diese zu etablieren. Wo Kubrick die Drehorte wirken ließ, sehen wir hier Parkbänke, die überall stehen könnten. Und dabei sind wir in den Südstaaten! Überall hängt da Ewigkeiten überdauerndes Moos von den Bäumen, die schwüle Luft mit ihrer morbiden Atmosphäre wäre zum Greifen nah. So richtig bedrohlich wirken die Bösewichte im New-Orleans-Chic mit Hut nicht, da helfen auch die obligatorischen Fulci-Augen nicht. Dabei werden sie ja im Roman als durchaus wohlhabend beschrieben und sollen im Kapital vernetzt sein. Intensiv wird es in der Inszenierung erst, wenn Kinder malträtiert werden, umringt von David-Lynch-Industriebauten. Und all das nur, damit der Zuschauer billigen CGI-Seelenhauch sieht? In der Stummfilmzeit hat man das früher mit Schauspiel gelöst. Vom absurd dargestellten Peter-Pan/Superwoman-Flug ganz zu schweigen. Überraschend plump kommen die musikalischen Ideen daher. Neben wenigen Referenzen zu Penderecki/Ligeti aus „The Shining“ oder den Ray-Noble/Al-Bowly-Schlagern hört man hauptsächlich Herzschläge, die die Spannung beschleunigen sollen. Sehr schade! Da der Film direkt versucht, an Kubricks Vision anzuknüpfen, wurde der Schluss auch geändert und es geht ins Overlook-Hotel. Diese Reise gelingt, und es ist eine Wonne zu sehen, wie das Hotel wieder aktiviert wird. Zugleich fühlt man sich bei soviel Akuratesse der Bauten und des lockenden Fan-Services aber auch an der Nase herumgeführt. Am Ende hatte ich genau das gleiche Gefühl wie nach „2010 – The year we make Contact“: Es war schön und unterhaltsam, zu sehen, wie es weitergeht. Als filmischer Meilenstein wie „Shining“ wird „Doctor Sleep“ allerdings nicht in die Geschichte eingehen. Als unterhaltsamer Zeitvertreib, vor allem angesichts des misslungenem und im gleichen Jahr veröffentlichten „Es Kapitel 2“, durchaus. 7/10 (13.04.2020)

HOT DOG… THE MOVIE (USA 1984, Peter Markle)

Die Anfangsszene des Films könnte aus einem der zahlreichen Psycho-Filme stammen: ein junger, schüchterner Boy-next-Door nimmt eine zerstreute Anhalterin mit, die keine Verwandten mehr hat. Als sie im Motel einchecken, nichts passiert und den nächsten Tag weiterfahren ins Ski-Resort Squaw Valley weiß man, dass hier alles anders ist als man erwartet. Beim Check-in ins dortige „Fantasy Motel“ mit Plüsch-Wänden und Wasserbett in Herzform werden sie gleich von einer nackten Empfangsdame begrüßt, was einem der Produzenten, der im Bonusmaterial davon berichtet auch so gegangen sein soll und er es deshalb in den Film eingebaut hat. Obwohl der Film also gelegentlich gekonnt Russ-Meyer-Terrain streift, geht es aber vor allem um Ski-Fahren, und zwar um das titelgebende „Hot Dog“-Skifahren. Bei diesem „Freestyle“ ging es darum, die Fahrt zum Ballett zu machen, Buckel­pisten zu meis­tern und vom Schnee abzu­heben. Und es ist beeindruckend, wie dynamisch die Kamera das einfängt. Offenbar ist die 35mm-Kamera meist hinter oder parallel zum rasanten Geschehen auf der Piste unterwegs gewesen. So gut choreografierte Sprünge habe ich selten gesehen und man staunt nicht schlecht, wie dramatisch das in Zeitlupe sein kann. In der jetzigen 80er-Retrowelle zeigt der Film aber vor allem, wie die frühen 80er wirklich waren: politisch inkorrekt, sexuell ungehemmt und voller bunter Farben: allein die Ski-Bekleidung und die Vielfalt an Sonnenbrillen ist ein visuelles Fest und weckt zahlreiche Erinnerungen. Das Label Synapse hat den Film in den USA mustergültig restauriert und mit einer langen Dokumentation versehen. Ein Ski-Fest in Zeiten unseres schneelosen Winters. 7/10 (29.02.2020)

IL MIELE DEL DIAVOLO/THE DEVIL’S HONEY (I 1986 Lucio Fulci)

Dass man als Hirnchirurg Eheprobleme nicht mit den OP-Saal nehmen sollte, zeigt Fulcis Film, der im Deutschen den Titel „Dämon in Seide“ trägt. Der Film, welcher erstmals hervorragend restauriert in HD vorliegt, gefällt vor allem wegen der intensiv und glaubwürdig dargestellten Liebesgeschichte zwischen dem Musiker Johnny (der Mickey Rourke verdammt ähnlich sieht) und Jessica. Wenn der Regisseur eine neue Variante zeigt, wie man ein Saxophon einsetzen kann, sieht man gleich zu Beginn, dass man hier keinen x-beliebigen Erotikfilm vor sich hat, sondern ein Drama, bei dem alle Beteiligten tragische Helden sind und der Regisseur große Freude hat, seine Ideen zu auszuinszenieren. Als Zuschauer fühlt man hier immer mit, was ein großes Kompliment ist. Aber auch die Kameraarbeit ist gelungen: Szenen am Meer, auf der Landstraße oder in Venedig machen einen stimmungsvollen Film, bei der Motorradfahrt ist man gebannt. Der Schäferhund mit einer wahrhaft Freudschen Obsession hinsichtlich verschlossener Türen ist da noch das i-Tüpfelchen auf dem Film voller schöner und (gefährlicher) Frauen. 7/10 (28.02.2020)

MANHATTAN BABY/L'OCCHIO DEL MALE/DAS AMULETT DES BÖSEN (I 1982, Lucio Fulci)

Was wäre, wenn Rosemarys Baby groß geworden wäre? Vielleicht ließe sich damit erklären, warum der englische Originaltitel ein Baby erwähnt, obwohl im Film keins vorkommt. Aber Schwamm drüber, denn hier erleben wir noch einmal Fulci auf dem bereits zu verblassen beginnenden Höhepunkt seines Schaffens: große Außendrehs in Ägypten und New York, gute Kameraarbeit (etwa das rote Lampenlicht, welches auf das Gesicht des Mädchens fällt), eine holprige, aber atmosphärische Handlung und ein paar schöne Horror-Einfälle. Besonders die Szenen in Ägypten gefallen, welche die ersten 30 Minuten des Films unvergesslich machen. Selbst an Abenteuerfilme wie INDIANA JONES erinnernde Schockmomente wirken trotzdem sympathisch. Man bekommt ein Gefühl für den Ort und selbst ein Steinboden mit seinen kunstvollen Mustern trägt zur Stimmung des Films bei. Wie Rollin schöpft Fulci allerdings auch aus seinem eignen Werk und baut Referenzen ein: die weißen Augen und das Thema des Tors zum Jenseits aus L'ALDILÀ, Kinderdarsteller Giovanni Frezza, bekannt aus QUELLA VILLA ACCANTO AL CIMITERO aber auch die wiederkehrende, poppige Musik, die wir schon aus PAURA NELLA CITTÀ DEI MORTI VIVENTI kennen. Gegen Ende des Films ist die Handlung stark von Friedkins THE EXORCIST geprägt, was auch kein Wunder ist, hatte doch Friedkin damit den erfolgreichsten Horrorfilm aller Zeiten gedreht, was viele Nachahmer anzog. Dies Fulci vorzuwerfen, finde ich allerdings falsch, da er das Thema trotzdem einigermaßen geschickt in seine Handlung einbaut und einen bei der Vielzahl an Referenzen von DIE MUMIE bis POLTERGEIST den geübten Zuschauer ohnehin nichts mehr wundert. Es war der teuerste Film, den Fulci for Produzent Fabrizio De Angelis gedreht hat. Als das Budget dann um 3/4 gekürzt wurde, konnten allerdings viele Ideen nicht mehr realisiert werden und besonders die zweite Hälfe des Films ist problematisch. Trotzdem ein schöner Abschluss meiner Sichtung einer ganzen Reihe von Fulcis um das Jahr 1980 gedrehten Filme. Wohlwollende 5/10. (27.02.2020)

A KID FOR TWO FARTHINGS (UK 1955, Carol Reed)

„I‘ve got a Unicorn“ ruft der kindliche Hauptdarsteller aus, und plötzlich fühlt auch der Zuschauer, dass wir in ein Zwischenreich der Möglichkeiten kommen; wie im Märchen, als „das Wünschen noch geholfen hat“, wie es bei den Brüder Grimm heißt. Denn der Ort des Geschehens ist ziemlich trist: der hektische Markt auf dem Londoner East End nach Ende des Zweiten Weltkrieges: Dreckige Straßen mit herumfliegendem Müll, Straßenhändler, die gleich am Arbeitsplatz hausen, große Träume und große Desillusionierung zugleich. Der interessanteste Charakter ist sicherlich Kandisky, der sein Leben lang von einer Dampfpresse träumt und alles entbehrt, damit wenigstens Joe seinen Möglichkeitssinn à la Musil nicht verliert. Filme wie diese, ganz aus dem Herzen geboren, schlagen bei mir immer ein wie eine Bombe. Unnötig zu sagen, dass ich hier nicht nur einmal den Tränen nah war, was mir nur bei ganz wenigen Filmen passiert. Denn man sieht gerne die Welt durch die Augen des kleinen Jungen, der vielleicht noch in uns wohnt und erkennt, dass selbst in bitterer Ausweglosigkeit immer noch die heilende Flucht in die Phantasie eine Tür aufstoßen kann. 8/10 (18.02.2020)

SIEBEN OHRFEIGEN (D 1937, Paul Martin)

Siebenmal will Willy Fritsch alias William Tenson MacPhab einen Industriemagnaten ohrfeigen, weil er ihn durch Finanzspekulation um seine sieben Mark gebracht hat. Bei Nennung der Summe merken wir schnell: es handelt sich um eine typisch heitere Screwball-Komödie, wie man sie damals aus den USA kannte. Erich Kettelhut erweckt wie damals schon Metropolis geschickt die Finanzmetropole London im Studio zum Leben. Während das Drehbuch einfältig, aber charmant ist, rettet Willy Fritsch mit seinem stürmisch-heiteren Spiel den zähen Film und trägt ihn. Nach GLÜCKSKINDER (1936) spielt er hier abermals mit Lillian Harvey – zurecht, denn die Chemie zwischen beiden stimmt. Man nannte sie nicht umsonst das „Traumpaar des deutschen Films“ und dies ist ihre 14. und letzte Zusammenarbeit. Alfred Abel, den man aus dem Stummfilm Metropolis kennt, spricht hier und ist ein guter Widersacher. Heitere Muse in einer vorzüglich restaurierten Fassung vom Originalnegativ. Kein Meisterwerk, aber solide inszeniert und gespielt. 6/10 (18.02.2020)

UNA LUCERTOLA CON LA PELLE DI DONNA/A LIZARD IN A WOMAN'S SKIN (I 1971, Luici Fulci)

Ich habe an Fulci immer bewundert, dass er an so vielen unterschiedlichen internationalen Schauplätzen im Laufe seiner Karriere gedreht hat. Sind es später die Südstaaten der USA in FROM BEYOND oder auch New York, kommt man in LIZARD IN A WOMEN'S SKIN (1971) nach London. Aber nicht das London der Swinging Sixties, welches man aus Antonionis BLOW-UP erkennt, sondern das der Hippie-Ära. Fulcis Weltsicht wurde nach dem Tod seiner Frau immer düsterer, und so werden auch die jugendlichen Protagonisten der Gegenbewegung nicht sonderlich positiv gezeichnet. Aber auch die Bourgeoisie wird steif und voller unterdrückter Obsessionen im Split-Screen gezeigt, seit Stevensons gesellschaftskritischem Roman DR. JEWKYLL UND MR. HYDE scheint sich nicht viel geändert zu haben. Umringt werden die Protagonisten von Symbolen der Macht und so wird Architektur in diesem Film interessant in Szene gesetzt. Albert Hall und Woburn Abbey House, etwa. Der Alexandra Palace etwa liefert die Kulisse für eine unheimliche Verfolgungsjagd, die mich mit ihrer überdimensionaler Orgel sogar etwas an CARNIVAL OF SOULS (1962) erinnert hat. Kein Wunder, dass Carol ihren abgründigen filmischen Verlauf nimmt. Und wie visuell beeindruckend er in Szene gesetzt wird: das Spiel mit der Erinnerung, starre Blicke, flauschige Kissen, Körperhorror, Tierhorror, Katakomben, Dächer, Suspense! Typisch für einen Giallo sind auch hier die Damen edel gekleidet und wir betreten ein Milieu, das dem Durchschnittsbriten damals sicher fremd war, das macht schaulustig. Erstaunlich, wie der Film neben seiner vorzüglichen Bildgestaltung und der Musik Morricones eine wirklich spannende Geschichte inmitten seiner wilden Experimentalfilmästhetik erzählt. Bis zum Schluss fiebert der Zuschauer mit und wird mit vielen falschen Fährten verführt. Das Schlussbild zeigt einen Friedhof, um dann zu Touristen auf der Themse zu schwenken. Well done! 7/10 (17.02.2020)

DIE NACHT DER GEJAGTEN/LA NUIT DES TRAQUÉES (F1980, Jean Rollin)
Rollins zweiter Teil seiner Trilogie über katastrophale Unfälle unserer modernen Zeit ist von einer ganz anderen Ästhetik geprägt, als LES RAISINS DE LA MORT oder der spätere LA MORTE VIVANTE. Passend zur futuristisch anmutenden Kernkraft, lässt er die Handlung im seelenlos-kalten Neubau-Arrondissement La Défense spielen. Karges Gestrüpp scheint die Wolkenkratzer zu erobern, menschgemachte Wasserflächen werden im tosenden Sturm zu reißenden Gewässern. Derweil verschütten drinnen an rätselhafter Amnesie leidende Patientinnen Hummersuppe und schlafwandeln durch die hoffnungslos kalten, sinnentleerten Gänge. Der Film lässt einen unweigerlich an Cronenbergs Großwerke wie SHIVERS oder RABID denken, krankt aber an eigentlich allen, plump inszenierten und überflüssigen Erotikszenen, die seine Geldgeber zu seinem Leidwesen einforderten. Wenn der vermeintliche Retter dann aber plötzlich Walzer tanzt ist man sofort wieder in Rollins surrealer Welt. Die stärkste Szene ist sicher die unfassbar poetische, minutenlange Schlusseinstellung, die ohne ein Wort zu verlieren, alles sagt. 6/10 (16.02.2020)

LA SIRÈNE DU MISSISSIPI/DAS GEHEIMNIS DER FALSCHEN BRAUT (F 1969, François Truffaut)
Ein Jahr nach den Unruhen im Mai 1968 kam der neue Truffaut ins Kino, nach dem Roman WALTZ INTO DARKNESS von Cornell Woolrich. Revolutionär geht es allerdings nur in der dem Film vorangestellten Widmung an Truffauts Vorbild, Jean Renoir, zu, bei dem ein Ausschnitt aus LA MARSEILLAISE (1938) gezeigt wird: die Wiedervereinigung zwischen Regierungstruppen und Revolutionsgarde. Danach ist der Film reif für die Insel, und zwar die danach benannte Insel La Réunion, die früher Île Bourbon, hieß, richtig: von da kommt die Vanille. Die prinzipiell spannende Handlung ähnelt Hitchcock, vor allem Marnie und Vertigo, was kein Zufall ist, galt Truffaut doch in der Redaktion der Cahiers du Cinéma zu den glühenden Verehrern und hat ihm mit seinem Interviewband MR. HITCHCOCK, WIE HABEN SIE DAS GEMACHT? ein Standardwerk verfasst. Dem Zuschauer wird hier vieles geboten: Tote Vögel, Koffer mit und ohne Geld, eine sprichwörtliche Leiche im Keller, Cabrios, Schnee und eine nackte Hauptdarstellerin. Dazu noch ein Schuss Lokalkolorit à la Jean Rouch und ein Belmondo, der wie aus einem seiner Actionfilme importiert wirkt, etwa, wenn er ohne Stuntman flink eine Häuserfassade hochklettert, sich den Rest des Films aber sichtlich bremst, um als ruhiger Saubermann in Form eines typisch-romantischen Truffaut-alter-Egos durchzugehen. Und da kommen wir auch schon zum großen Problem, dass der Film hat: Belmondo und Deneuve sind für sich genommen großartige Schauspieler*innen, hier wirken sie aber völlig fehlbesetzt. Zwischen beiden herrscht so viel knisternde Chemie wie zwischen Depp und Jolie in THE TOURIST, nämlich keine. Die spielen zwar, aber sie transportieren nichts, wodurch die ohnehin rasante Handlung umso unglaubwürdiger wirkt und dadurch das dramatische Ende völlig in den Sand, pardon, Schnee gesetzt wird. Hinzu kommt, dass Antoine Duhamel hier eine der schlimmsten und anstrengendsten Filmmusiken seiner Karriere abgeliefert hat. Man hätte sich hier eher etwas vom Stile Herrmanns gewünscht, der mit Truffaut bei dem schönen DIE BRAUT TRUG SCHWARZ zusammengearbeitet hatte. Nach dem Film vertraute Truffaut nur noch Georges Delerue die Vertonung seiner Filme an. Warum ich mir trotzdem die neue Blu-Ray des Films geholt habe? Zum einen, weil er zum ersten Mal in Cinemascope erlebbar ist, nachdem jahrzehntelang nur eine alte MGM-DVD in beschnittenem 1,66:1 vorlag. Dadurch sieht man den Film erstmals in seiner visuellen Pracht, wie er gedacht war. Zum anderen ist die Insel La Réunion ist der heimliche Star über weite Strecken des Films. Die Fahrt durch die Palmenallée, die Plantagen, die Kirche, der große Baum, unter dem die beiden sich verliebt unterhalten, die an Vertigo erinnernde Fahrt durch die Hauptstadt, die großen Schiffe am Hafen, so wie die Exotik, die hier mitschwingt. Interessant fand ich, dass der Himmel immer ziemlich verhangen war, was gut zur Stimmung des Films passte. Leider war das in der Mitte des Films schon wieder vorbei, als es in ein Frankreich geht, das aus einem Chabrolfilm stammen könnte. Als Fazit könnte man an Stroheim angelehnt sagen: A film you love to hate. Unvergesslich ist er auf jeden Fall. 6/10 (01.02.2020)

HÖHLE DER GESETZLOSEN/CAVE OF OUTLAWS (USA 1951, Willam Castle)
Der spätere Horrorregisseur William Castle macht hier eine Höhle zum Star: Carlsbad Caverns National Park in New Mexico. Erstaunlich, wie sie zur Verwandlung imstande ist, sobald sich die Protagonisten des Films aus ihren unterschiedlichen Motiven in sie hineinschrauben. So unterschiedlich wie ihre geologische Formation ist aber auch dieser Western, der auch ein Film noir, Krimi oder Sozialdrama hätte sein können. Denn bei der Rückkehr aus dem Gefängnis, biedert sich eine ganze Stadt dem Ex-Sträfling an, um an das vermeintliche Gold zu kommen. Alexis Smith als Elizabeth Trent zieht sich ihr prächtigstes Gewand an, damit es auf Technicolor auch dem Zuschauer die Sinne im sonst grau-matschigem Western-Einerlei betört. Mit einem besseren Hauptdarsteller wäre noch einiges mehr drin gewesen. So bleiben nur 6/10 Punkte.

SIE TANZTE NUR EINEN SOMMER!/HON DANSADE EN SOMMAR (S 1952, Arne Mattsson)
Ein Film als einzige Rückblende: denn gleich zu Beginn erfahren wir, dass die attraktive Hauptdarstellerin dieses „Schwedenfilms“ bereits nicht mehr ist. Zwei Jahre vor Bergmans grandiosem DIE ZEIT MIT MONIKA ist hier nicht die Ehe das Ende des unschuldigen Glücks, sondern die ätzend-reaktionär und fundamental-religiöse Dorfgemeinschaft, für die das Wort Hinterwäldler geradezu erfunden worden scheint. Ein Lehrstück, dass man sich als Abiturient aus der Stadt zwar in ein Bauernmädchen verlieben kann, aber die Liebe eben nicht alles bezwingt, wie es sonst auf Kühlschrankmagneten heißt. Wenn Ulla Jacobsson im Bonusmaterial erzählt, dass es damals tatsächlich so in der schwedischen Provinz zugegangen sei, ist man umso mehr entsetzt. Es ist nur folgerichtig, dass vier Jahre später James Dean in den USA mit REBEL WITHOUT A CAUSE die Jugend verführerisch aufbegehren ließ gegen ängstliche Eltern und muffige, destruktive Institutionen. Arne Mattssons Film hat eine an sich spannende Handlung und man fragt sich ständig, wie wohl Bergman es inszeniert hätte. Denn die Bildkompositionen sind wie das dargestellte Dorf: einfältig, der Schnitt bieder und die Handlung träge. Trotzdem fühlt man gerne das kurze Glück der jugendlichen Darsteller mit, denen scheinbar die ganze Welt zu Füßen liegt, wenn sie zusammen sind, wie Gott sie schuf. 5/10 Punkte.

MÖDERSPINNEN/KINGDOM OF THE SPIDERS (USA 1977, John „Bud“ Cardos
Was ist, wenn der Monsanto-Bauer so viel gespritzt hat, dass jenseits der Profitsteigerung kein Kerbtier mehr auf den Monokulturen Arizonas übrigbleibt? Richtig! Dann übernehmen die achtbeinigen Spinnenfreunde das Ruder und setzen Mensch und Tier auf ihren Speiseplan. Eine ähnliche Öko-Alptraumversion schuf ein Jahr später auch Jean Rollin mit LES RAISINS DE LA MORT (1978), wo der Winzer so viel Pflanzenschutzmittel ausbrachte, dass der nette Erntehelfer von nebenan zum bösen Zombi mit Jenseitsallüren wurde. Bei MÖRDERSPINNEN hat aber einer schnell den Durchblick: William Shatner ist geradezu geschaffen, um in seiner schnodderigen Art die Handlung voranzutreiben. Dabei baggert er auf Altherrenart gerne alles an was weiblich ist und zwei statt acht Beine hat und zeigt, dass er vor keiner (harmlosen Vogel-)Spinne Angst hat. Hut ab vor soviel Mut, das muss man ihm lassen. Denn wir lernen schnell, dass die putzigen Kerlchen auch Autos und Flugzeuge durch ihr listiges Spinnenwerk zerstören können! Am Ende des sehr unterhaltsamen Streifens fühlt man sich an Hitchcocks DIE VÖGEL erinnert, etwas einfallslos, aber durchaus passend. Besonders schön ist, dass der Film wirklich im Canyon-Staat Arizona gedreht wurde. Die typischen Berge und Ebenen geben herrliche Bildkompositionen, in die sich jeder, der mal dort war, ohnehin unsterblich verliebt haben dürfte. Ein Gute-Laune-Film! 7/10 Punkte.

MR. SARDONICUS (USA, 1961, Willam Castle)
Was für ein bunter Film, dabei ist er ganz in schwarzweiß: Eine Mischung aus „THE MAN WHO LAUGHS”, „NOSFERATU” (Die Kutschfahrt!) einem Schuss Franju, einprägsamen Lottospiels, eloquenten Adeligen à la Hammer Studios und viel Spaß! Wenn das Schloss als Totenkopf dargestellt wird, weiß man eigentlich gleich, was hier gespielt wird und vermutet hundertmal gesehene Klischees. Aber trotzdem gelingt es Zauberkünstler Castle ganz, uns mit in die Geschichte hineinzunehmen und uns alles für bare Münze nehmen zu lassen, was er uns auftischt. Die geschliffenen Dialoge schaffen es, dass wir der Handlung bereitwillig folgen. Mit der der Blu-Ray-Edition beiliegenden, im Dunkeln leuchtenden Karte konnte man für ein Ende abstimmen. Daumen hoch auch für den kenntnisreichen Audiokommentar mit Robert Zion! 7/10

DIE NACHT DES TODES/ LA NUIT DE LA MORT! (F 1980, Raphaël Delphard)
Wer meint, Rollin sei Ende der 70er der einzige hartnäckige Genreregisseur-Gallier, der einer radikalem Autoren-Filmkritik in Frankreich widersteht, irrt gewaltig. Raphaël Delphard legt uns hier seine Visitenkarte hin und zeigt, dass man Bourgeoisiekritik nach Buñuel und Chabrol im Film noch toppen kann, dass es kracht (und spritzt). Elf Jahre nach Narciso Ibanez Serradors LA RESIDENCIA und drei Jahre nach Argentos SUSPIRIA kommen wir hier nicht in ein Mädcheninternat oder eine Balettschule, sondern passend zur heutigen Rentnerrepublik in eine weitere geschlossene Institution: eine Seniorenresidenz. Deren hoher Verschleiß an Arbeitskräften macht schnell argwöhnig und so erfahren wir recht schnell, dass hier die Ausbeutung der Arbeitskraft im Dienste der ungewöhnlich langlebigen Heimbewohner bluternst genommen wird. Am 28. des Monats herrscht helle Freude, wenn es da um die Wurst geht. Der Film besticht vor allem durch die tiefe Zeichnung aller Protagonisten. Jeder hat eine Hintergrundgeschichte, die jeden noch so Buñuelesken Bewohner realistisch erscheinen lässt. Am spannendsten ist sicher der psychotische Hausangestellte mit Herz. Schon allein die Szene in seiner Wohnung zeigt seine Zerrissenheit. Aber auch die Inszenierung und Kameraarbeit ist herausragend. Wenn die Heimbewohner des nachts mit expressionistisch verzerrten Gesichtern durch die Gänge streichen, mit Blick in die Kamera und damit den Zuschauer, fühlt man sich selbst in die Enge getrieben. Neben ungeheuer realistischen Körperhorrorszenen gibt es aber auch immer skurril-komödiantische Stellen: Etwa, wenn die bezaubernde Isabelle Goguey alias Martine sich auszieht und die gesamte Hausgemeinschaft ihr lechzend dabei zusieht! Das nenne ich gelungenes Affektmanagement! Überhaupt hat man mit Martine endlich eine denkende, kluge und selbstbewusste Frau (ihrem „Freund“ schreibt sie, dass sie ihm nicht auf der Tasche liegen will), die ganz anders agiert als die hilflosen Argento-Dummchen in seinen märchenartigen Spielhandlungen. Ob ihr das hilft, finden wir am Ende des vielschichtigen, spannend und überraschend erzählten Films heraus. Herausragende 8/10!

QUEEN OF THE DESERT/DIE KÖNIGIN DER WÜSTE (USA/MAR 2015, Werner Herzog)
Werner Herzogs Spielfilm QUEEN OF THE DESERT ist vielleicht mit 36 Mio. $ Produktionskosten sein aufwendigster in der letzten Zeit. Er erzählt von Gertrude Bell, die bekanntermaßen bei der Neuordnung Arabiens nach dem Ersten Weltkrieg als Beraterin mitgewirkt hatte. Gleich zu Beginn des Films wird am Tisch mit T.E. Lawrence und Churchill die Bedeutung dieser Frau hervorgehoben, die geopolitischen Karten gemischt und Gertrude Bell ehrfürchtig eingeführt. Wer nun aber denkt, Herzog drehe einen zweiten Monumentalschinken à la David Lean, der irrt. Er will es gar nicht. Im Interview sagte er, dass sein Produzent ihm eines Tages die Briefe und Tagebücher Bells gegeben hätte und er ihnen sogleich verfallen sei. Wir erleben hier sozusagen Herzogs GERTRUDE BELL. Ähnlich Fellinis CASANOVA eben Fellinis Sicht auf die Figur ist. Oft wird Herzog nur an seinen frühen Erfolgen wie FITZCARRALDO und AGUIRRE gemessen, aber er hat davor und danach unzählige eindrucksvolle Dokumentarfilme gedreht, mit Menschen, die aus der Reihe fallen, für ihre Träume kämpfen und die Poesie noch nicht aus ihrem Leben verbannt und gegen Geld getauscht haben. Ob in der Antarktis oder bei den Urmenschen. Durch diese Brille gesehen erlebt man mit QUEEN OF THE DESERT in der Tat einen waschechten Herzog: eine Frau, die in der falschen Umgebung verkümmert wäre, aber in der Wüste zum Mittler wird, die mit Beduinenfürsten über Rimbaud, Baudelaire und das Wesen von Vergils Gedichten spricht, die in der Wüste ein Bad nimmt! In einer schönen Szene will sie ein gekochtes Ei und der Diener antwortet, dass er noch nie ein Ei gekocht habe. Er fragt, wie lange fünf Minuten seien, weil die Wüste keine Zeit kenne. „So lang wie ein Gebet“, antwortet sie. Das sind typische Herzog-Szenen. Auch, wie er sich viel Zeit nimmt, die Kamele an der Tränke zu filmen, wie glücklich sie danach aussehen und wie sie schnauben und schreien. Man bekommt hier ein unmittelbares Gefühl, wie sich das weite Land anfühlt, wie es riecht und wie es ist, über porzellanartigen Salzboden zu laufen. Kurz: die Schönheit und Poesie der Welt einzuatmen. Man sieht Bell immer wieder mit schwarzer Tinte Briefe schreiben, das wirkt sehr authentisch und würde man so vermutlich heute kaum anderswo gefilmt sehen. Bei ihren Liebhabern ist es ähnlich, der eine geht immer auf den Berg, wenn er einsam ist. Auch der Humor kommt nicht zu kurz, ganz aus dem Geschehen heraus: der versuchte Kuss bei dem Aasgeier, eine herrlich absurde Szene. Nicole Kidman spielt ihre Rolle ziemlich überzeugend, auch wenn man eben immer Nicole Kidman sieht. Auch Robert Pattison spielt nicht so affektiert wie O’Toole, aber doch liebevoll-träumerisch und erinnerungswürdig, etwa in der Szene, als er wild zwei Tigerbabies in die Kamera als Symbol des Empires hält. Auch die Rolle der Fotografie ist interessant, wenn Gertrude immer wieder Gruppenbilder schießt und diese dann im Film recht lang gezeigt werden. Am Ende, beim Nachsinnen über Englands politische Ambitionen in Arabien sagt T.E. Lawrence im Film: „Ich fürchte um mein Land, wenn ich daran denke, dass Gott gerecht ist.“ Solche Zeilen wirken lange nach und kommen nur gelegentlich vor. Herzog will in diesem Film eben nicht erklären oder belehren, sondern uns eher wieder die Augen öffnen für Poesie und Kultur, die uns seit Jahrtausenden täglich gratis umgibt; die Empathie, auf Fremde mit Liebe zuzugehen und die Demut vor der Natur. Weniger Verstand, sondern mehr Gefühl. Ein Film mit ein paar Schwächen, den man mehrmals sehen sollte, um die manchmal allzu glatte Oberfläche zu durchbrechen. Sehenswert!

LA CHIENNE (F 1931, Jean Renoir)
Eben Jean Renoirs „La chienne“ in der neuen 4K-Restaurierung gesehen und beeindruckt wie schon lang nicht mehr. Da ist sie wieder, diese ganz besondere Atmosphäre, die nur seine Tonfilme der 30er haben: Musik, Spieluhren, Verkehr, der Klang von Wasserleitungen und Regen – direct sound. Und: Michel Simon! Die Klassenunterschiede, die sexuelle Frustration, das Spiel mit den Erscheinungen. Und die Frau, die im Schatten des Malers steht, hat auch etwas Autobiographisches. Ironischerweise hatte die Hauptdarstellerin tatsächlich eine Beziehung mit dem Zuhälter des Films. Von der Gage kauften sie sich ein Automobil, wodurch sie aufgrund eines Autounfalls bei der Fahrt ums Leben kam. Welch ein Auftakt. Murnau hatte ja immer gesagt, dass er nach „Tabu“ den Tonfilm revolutionieren wollte. Ich finde, Renoir hat genau das getan. Murnau würde ihm anerkennend auf die Schulter klopfen.