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MANIAC (Die Ausgekochten, UK/F 1963, Michael Carreras)

Drei Jahre, nachdem Alfred Hitchcocks Film PSYCHO die Filmwelt nachhaltig verändert hatte, brachten die britischen Hammer Studios den Film MANIAC heraus. Das war damals nichts Ungewöhnliches: Castle, Polanski und andere schwammen bereits erfolgreich auf der thematischen PSYCHO-Welle. Hier rankt sich die Geschichte um einen amerikanischen Künstler, gespielt von Kerwin Matthews, der in einer konfusen Romanze mit einer älteren Frau ist und gleichermaßen ein Auge auf die Stieftochter wirft. Es entspinnt sich eine Geschichte um Vergewaltigung, Mord und irre Killer. Allerdings nimmt man dem kühlen Matthews in keiner Sekunde den Liebhaber ab, die einzige Liebe: die man in dem Film spürt ist die des Kameramannes Wilkie Cooper zu seiner teuren Location. Denn man hat sich nicht lumpen lassen und in der Camargue in Frankreich gedreht. Wenn sich im Amphitheater in Arles das Bild weitet und man sich in einem Film von Michelangelo Antonioni wähnt, hat man noch Hoffnung mit dem Film, der da schon seit einer halben Stunde auf der Stelle tritt. Doch vergebens, lediglich der Steinbruch mit seiner Verfolgungsjagd gegen Ende lässt noch etwas altmodisches Universal-Horror-Feeling der frühen 30er erahnen. Ein Film, der seine Momente hat, mich aber zu keiner Zeit gewinnen konnte. 5/10 (21.03.2021)

THE TINGLER (Schrei, wenn der Tingler kommt, USA 1959, William Castle)

Als Alfred Hitchcock 1966 in der Diskussionsrunde „Frankfurter Stammtisch“ auftrat, wurde er als „der Gruselmann“ eingeführt. Ich fand das immer etwas befremdlich, weil ich sein Werk deutlich vielschichtiger wahrnehme. Wenn es aber einen gibt, der seine Filme exakt auf die Reaktionen des Publikums zuschnitt, dann ist es William Castle. In seinem Film THE TINGLER manifestiert sich diese umsatzträchtige Eigenschaft, Angst zu empfinden, sogar in Form eines Parasiten, der an der Wirbelsäule wächst und nur durch Geschrei getötet werden kann. So wie die Protagonisten den „Tingler“ suchen, sucht Castle den „complete terror“ beim Publikum. Denn Castles Filme waren vor allem ein Ereignis, das man hautnah erleben konnte, wie man in Joe Dantes Film MATINEE (1993) sehen konnte, der sich lose an Showman William Castle orientiert. Für THE TINGLER verkabelte er ausgewählte Sitze, damit er elektronische Reize ins Publikums schicken konnte, um den gewünschten Effekt zu erzielen: Geschrei an der passenden Stelle, das ansteckend sein sollte. Neben diesen physischen Reizen setzte er aber auch optische und akustische ein, etwa wenn das monochrome Bild plötzlich blutrot wird oder von Mono auf Stereo schaltet, wodurch der Zuschauer nicht mehr weiß, ob die Schreie wirklich aus dem Publikum kommen, oder er es sich nur einbildet. Unverkennbar lehnt er sich fast filmisch an Alfred Hitchcock an und schafft eine Suspense-Szene nach der anderen und tritt sogar selbst zu Beginn des Filmes auf. Selbst das Titelmotiv des Films erinnert stark and den einen Jahr zuvor kurz erschienen VERTIGO, in dem Bernard Herrmann den Zuschauer mit seiner musikalischen Spirale in den Bann zieht. Die große Stärke von THE TINGLER ist eindeutig Vincent Price. Er trägt den Film mit einer sympathischen Gelassenheit und Ruhe, so dass man als Zuschauer in Kauf nimmt, was er „im Dienste der Wissenschaft“ an Unsäglichkeiten begeht. Die Kreatur in Star Trek 2: THE WRATH OF KHAN werde ich nach diesem Film wohl nicht mehr so furchteinflößend finden, wie ich das in meiner Jugend getan habe, da sie doch sehr vom Tingler inspiriert zu sein scheint. Sehr empfehlenswert. 7/10 (10.03.2021)

THE GORGON (Die brennenden Augen von Schloss Bartimore, UK 1964, Terence Fisher)
Auf einen Blick: Gorgonin Medusa heißt hier Megaera und taucht am liebsten bei Vollmond auf, um schlangenbewehrt regelmäßig Waldbesucher versteinern zu lassen. Ursprünglich hatte ich den üblichen Hammer-Budenzauber erwartet und wurde doch sehr positiv überrascht. Denn wir sehen hier echte Menschen auf der Leinwand: Peter Cushing spielt das Drama seiner inneren Zerrissenheit rätselhaft und intensiv, Barbara Shelley als Carla vermittelt glaubhaft, wieso sich alle um sie reißen und Christopher Lee als Professor aus Leipzig, der wie Albert Einstein geschminkt werden wollte, zeigt aufmunternd, dass man auch in hohem Alter agil und sportlich sein kann. Regisseur Terence Fisher wurde hier noch einmal in die Hammer-Studios geholt, um Columbia zu zeigen, was das Studio kann, damit ihre Filme weiterhin auch in den USA vertrieben werden können. Und dabei wird man nicht enttäuscht: neben der glaubhaften, düster-romantischen Geschichte glänzt der Film durch ein beeindruckendes Setdesign. Man hat wirklich das Gefühl, dass es diese Orte gibt. Das Schloss ist eine der schönsten Filmkulissen, die ich kenne und man wird es so schnell nicht vergessen. Toll, wie Fisher mit viel herumfliegendem Laub die Kulissen lebendig werden lässt! Die Maske der Medusa, pardon, Megaera, hätte noch etwas glaubwürdiger sein können, aber das verzeiht man gern. Ganz groß und poetisch sind die Reflexions-Szenen im Brunnen und an den Spiegeln. Und wie visuell wirkmächtig ein abbrechender Finger doch die Handlung zu Beginn auf unheilvolle Weise auffächert. Auf Anhieb einer meiner liebsten Hammer-Filme, eben gerade weil mal eine neue Figur abseits der Universal-Monsterkiste beleuchtet wird. 7/10 (9.1.2021)

The Tall T (UM KOPF UND KRAGEN, USA 1957 Budd Boetticher)
Das Leben im Nirgendwo des Wilden Westen ist keine Basis für ein gutes Familienleben. Erst stirbt die Ehefrau, dann durch Schurkenhand Vater und Sohn. Randolph Scott nimmt es mit stoisch-aristokratischer Miene hin und ist ein beeindruckender Held dieser bunten Film-noir-Geschichte um falsche Lebensentwürfe, mangelnde Bildung und Geld als falschen, gierigen Ratgeber. Die Wüste Kaliforniens stellt die beste Kulisse als Gleichnis für die Probleme der Protagonisten dar. Die ausgenutzte Ehefrau ist übrigens Maureen O’Sullivan, die Mutter von Mia Farrow. Formal und inhaltlich ein herausragender Western, der gerade wegen des geringen Budgets zeigt, worauf es ankommt. 7/10

5 AGAINST THE HOUSE (USA 1955, Phil Karlson)
Vier befreundete Studenten kommen in während eines Kasinobesuchs in Reno auf die Idee, selbiges mit viel vorheriger Planung auszurauben. Ronnie, gespielt von Kerwin Mathews, führt dabei als Argument ins Feld, dass man einmal im Leben bei etwas Erster gewesen sein müsse. Dergleichen Allmachtsphantasien Dostojweskischer Prägung haben wir auch schon einmal in Hitchcocks ROPE erlebt, nur war dort kein Überfall, sondern ein Mord im Zentrum der Überlegung. Ein vergnüglicher Film mit guten Dialogen, vor allem wegen des guten Ensemblespiels, dem man gerne zuschaut. Dem raffinierten Parkhaus-Stapelsystem wurde hier ein für allemal ein (blutiges) Denkmal gesetzt und die Notwenigkeit der Behandlung von Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) unterstrichen. Besonders erwähnenswert ist die junge Kim Novak, die ein paar Jahre später in VERTIGO Kinogeschichte geschrieben hat. Auch wenn ihre Singstimme durch Jo Ann Greer synchronisiert wurde, ist sie hier die klassische Film-Noir-Schönheit par excellence. Martin Scorsese erwähnte einmal, dass sein Film CASINO durch 5 AGAINST THE HOUSE beeinflusst worden sei. 7/10 (26.12.2020)

CHRISTMAS HOLIDAY (Weihnachtsurlaub, USA 1944, Robert Siodmak)
Eine Sängerin verliebt sich in einen ehemals wohlhabenden Mann, der aber seine Mutter mindestens so sehr liebt wie Norman Bates. Robert Siodmak wusste um das heiße Eisen, das er mit der Verfilmung von W. Somerset Maughams Roman anfasste und schaffte den Spagat zwischen Hayes Code und Inzest, Prostitution und Homosexualität der literarischen Vorlage. Obwohl die Thematik im Film von Citizen-Kane-Autor Herman J. Mankiewicz stark abgeschwächt wird, geht die Inszenierung aufs Ganze: die Kamera zeigt so viel Licht und Schatten (spektakulär die Geländer in New Orleans, Bäume mit Schatten von Louisianamoos) wie selten. Indem man Gene Kelly und Deanna Durbin entgegen ihrer Typen besetzt hat, kommen viele Zwischentöne in deren Darstellungen. Interessant auch, wie lange die Musikszenen dauern: die Messe in der Kirche dauert ebenso lange wie der Ausschnitt des "Liebestodes" aus der konzertanten Aufführung von Wagners TRISTAN UND ISOLDE. Grandios die Beleuchtung, als Kelly und Durbin am Klavier die harmonische Ehe vorgaukeln und dabei im Dunkeln sind, während die omnipräsente Mutter hinten ihr Netz des Schicksals webt. Obwohl der Production Code eine tiefergehende Charakterisierung verhindert hat, sehen wir hier Gene Kelly in einer seiner besten Rollen. 7/10 (25.12.2020)

THE UNDERCOVER MAN (ALARM IN DER UNTERWELT, USA 1949, Joseph H. Lewis)
Glenn Ford als Frank Warren spielt einen kleinen Finanzagenten, der mit raffinierten Mitteln, Ehrlichkeit und viel Durchhaltevermögen einem Gangsterboss von Al-Caponeschen Ausmaßen auf die Schliche kommen will. Ich habe lange mit mir gerungen, wieso dieser Film nach mehrmaligem Sehen nicht so recht bei mir zünden will. An Barry Kelley als Gauneranwalt Edward O'Rourke à la Better Call Saul lag es nicht, ganz und gar nicht an der hervorragenden Regie, mit aufwändigen Kamerafahrten, Massenszenen, Kammerspielszenen oder den intelligenten Dialogen. Der Film, basierend auf dem Artikel "He Trapped Capone", in der Autobiographie von Frank J. Wilson krankt an Glen Ford, der eine passable Darstellung liefert, aber mehr eben nicht. Vielleicht ist es zwar treffend, den Helden des Films immer im Zweifel zwischen dem Dranbleiben am Fall und der Aufgabe samt Rückkehr zur Bauernhofidylle seiner Frau zu zu spielen, dem Film tut es aber nicht gut. Der interessanteste Charakter des Films ist der schurkische Anwalt, wegen dem man den Film schon gesehen haben sollte. Es bleibt ein sehr gut inszenierter, fast schon dokumentarischer Film, den man lieben will, der aber an der Mittelmäßigkeit des Hauptdarstellers krankt. Inhaltlich ist der Film, etwa beim Austausch der Jury, aber akkurater als DePalmas THE UNTOUCHABLES. 6/10 (23.12.2020)

THE LINEUP (DER HENKER IST UNTERWEGS, USA 1958, Don Siegel)
Gleich zu beginn des Films werden wir in eine turbulente Verfolgungsjagd mitten in San Francisco hineingezogen: ein Polizist wird mittels Kopfschuss durch die Frontscheibe getötet, und als der Zuschauer so richtig sprachlos ist, prangt in dicken Lettern der Titel auf der Leinwand: THE LINEUP. Ursprünglich als Ableger der gleichnamigen, erfolgreichen TV-Serie gedacht, lebt dieser späte FILM NOIR vor allem von seinen Schauplätzen: Wir sehen das Hotel und die Legion of Honor aus Vertigo, Fisherman’s Wharf, ein prächtiges Privathaus, das Steinhart Aquarium im Golden Gate Park, die Sauna Seaman’s Club und vor allem das Meerwasser-Hallenbad Sutro Baths, hier als Eisbahn, welches ein paar Jahre später durch Spekulation und Brandstiftung verschwunden war. Wie in Vertigo spielt die Stadt hier eine große Rolle und bietet mehr als nur die Bühne für die kriminelle Handlung des Drogenschmuggels. Die Stadt, die regelmäßig von Erdbeben heimgesucht wird (die nicht fertiggestellte Autobahn etwa ist 1989 völlig bei einem Beben zusammengestürzt) mischt auch die Karten der Edel-Gauner im Film ständig neu, die sich so überlegen wähnen. Selbst nebulöse THE MAN, der hinter allem steht kann sich nicht seiner Macht nicht sicher sein. In Verbindung mit seinen Drehorten bietet der Film viele einprägsame Momente, etwa, als Dancer im Moment größer Spannungen dem kleinen Mädchen beim Scharfstellen des Fernglases hilft. Dass der zwielichtige Schurke Dancer, hervorragend gespielt von Eli Wallach in seiner ersten Filmrolle, hier mit einem eigenen, zynischen Agenten aufwartet, ist ein spitzer Kommentar Don Siegels auf das Hollywood-Studiosystem. 8/10 (21.12.2020)

ESCAPE IN THE FOG (USA 1945, Budd Boetticher)
Kein Traum von einem Film, sondern ein Film von einem Traum: eine Armeekrankenschwester mit hellseherischen Fähigkeiten träumt, wie einer Mann von Gangstern auf der Golden Gate Bridge ermordet wird. Als sie exakt diesen Mann daraufhin im wahren Leben trifft, beginnt sie zu verstehen, dass er in tödlicher Gefahr ist. Eine der ersten Regiearbeiten von Oscar Boetticher Jr., der später als talentierter Westernregisseur Weltruhm erlangte und von André Bazin gefeiert wurde. Obwohl die Spionagegeschichte als Standard-B-Picture daher kommt, sieht man, wieviel Mühe in den Film geflossen ist: Die Dialoge sind präzise, das Schauspiel (herausragend: Otto Kruger) überdurchschnittlich und mit solider Kameraarbeit. Boetticher selbst sagte, er habe sich soviel Mühe gegeben, als sei es VOM WINDE VERWEHT, was er zu inszenieren hatte. 6/10 (19.12.2020)

THE GARMENT JUNGLE (UMS NACKTE LEBEN, USA 1957, Vincent Sherman & Robert Aldrich)
Der Sohn eines Textifabrikanten kehrt aus dem Koreakrieg zurück und eigentlich wähnt man nun eine glückliche Firmennachfolge. Aber in der Textilfabrik des Vaters ist der Wurm drin: um die Gewerkschaft fernzuhalten arbeitet der Vater aus Gewohnheit mit Kriminellen zusammen. Ein Aufzug stürzt in die Tiefe, ein Telefon stellt Drohanrufe durch oder ein Messer geht auf. Doch der Sohn hat nach dem Krieg gelernt, sich nicht mehr verbiegen zu lassen und ein gesundes Gespür bekommen, was richtig und falsch ist. Robert Aldrich und Vincent Sherman gelingt in diesem Film Noir ein Meisterstück: die Geschichte um den Aufstieg der Gewerkschaft und ihrer Gegenspieler im Garment District von New York wird mit großartigen Schauspielern (Gia Scala als Theresa oder Lee J. Cobb als Fabrikant) erzählt. Dass man viele Außenaufnahmen wirklich dort gedreht hat, bestärkt den Realismus der Darstellung. Schon eine der ersten Szenen um den Gewerkschaftler Renata beeindruckt: mit seinem Baby im Arm läuft er minutenlang durch eine Tanzveranstaltung, während es todernste Angelegenheiten zu besprechen gibt. Oder wie sich Therese aus Scham zum Stillen im Restaurant wegsetzt – überhaupt das ganze Thema um Mutterschaft in dieser wilden Welt einschließlich sozialem Abstieg wird facettenreich dargestellt. Kerwin Mathews als schneidiger Sohn Alan Mitchel wirkt von Anfang an wie ein Mann der Zukunft, einer positiven Zukunft, der sich die alten Kräfte noch widersetzen, aber nicht entrinnen können. Eines der besten Dramen der 50er – auch eines der gewalttätigsten – dass einen von Anfang bis Ende atemlos lässt. 7/10 (15.12.2020)

DRIVE A CROOKED ROAD (AUF GEFÄHRLICHER STRASSE, USA 1954, Richard Quine)
Die Frau deiner Träume hat Interesse an dir und es ist zu schön, um wahr zu sein? So geht es dem Protagonisten Eddie Shannon, ein durch und durch sympathischer Film-Noir-„Mann ohne Eigenschaften“. Zumindest oberflächlich betrachtet, denn hinter seiner schüchternen Fassade brennt der Mechaniker für den Rennsport, hat Ideale und feste moralische Vorstellungen. Eine große Narbe auf seinem Gesicht deutet darauf hin, dass vieles in seinem Leben anders verlaufen ist, als er es sich vorgestellt hat. Der Zuschauer wird Zeuge, wie er schrittweise in eine verführerische Hochglanz-Unterwelt gelockt wird, die hinter ihrer attraktiven Fassade mit bodenloser Niedertracht aufwartet. Dieser zu Unrecht kaum bekannte Film wartet mit zahlreichen Überraschungen auf. Mickey Rooney, einst Kinderstar und All American Good Guy, spielt die ernste Hauptrolle des Antiheldens mit brillanter Subtilität; die smarten Edel-Gangster, die wie Kopien von Montgomery Clift wirken, authentisch und mit homoerotischem Unterton, und Dianne Foster als ausgenutzte Ganovenbraut Barbara ist anbetungswürdig und zerrissen zugleich: eine der schönsten Frauen, die ich auf der Leinwand gesehen habe! Dazu kommt noch eine solide Regie, die in den dramatischen Szenen genauso wie in den achterbahnartigen Rennszenen in Malibu und Los Angeles überzeugt. Fans schöner, historischer Automobile kommen hier noch zusätzlich auf die Kosten, auch da ist der Film eine Augenweide. Das Drehbuch dieses vielschichtigen Films schrieb übrigens Blake Edwards. 7/10 (12.12.2020)

COLOR OUT OF SPACE/DIE FARBE AUS DEM ALL (MYS, PRT, USA 2019, Richard Stanley)
Von H.P. Lovecrafts berühmter Short Story „Die Farbe aus dem All“ gibt es mittlerweile zahlreiche filmische Adaptionen. Besonders hervorzuheben ist die deutsche Produktion DIE FARBE von Huan Vu, welche die Handlung so geschickt in ein schwarz-weißes, scheinbar Edgar Reitz’ HEIMAT entsprungenem Baden-Württemberg verlegt, dass sie eine der besten Verfilmungen des sperrigen Stoffes darstellt. Denn Lovecraft arbeitet mit verschiedenen Zeitebenen und deutet vieles an ohne dass ausreichend passiert, um einen ganzen Spielfilm zu füllen.
Richard Stanleys fast zweistündige Verfilmung des Stoffes macht alles richtig, er umgeht zahlreiche Fallstricke der Story und bleibt dem Geist der Geschichte treu, ohne zu langweilen. Geschickt bringt er etwa die Figur des Landvermessers mit der Zeitebene der Gardeners zusammen, eine geniale Idee. Dadurch wird die Erzählung auf der Leinwand viel dichter. Außerdem erleben wir die Protagonisten hier als echte Menschen mit Problemen: die Mutter arbeitet gestresst online in Finanzgeschäften auf dem mit einem expressionistischen Fenster versehenen Dachboden, der Vater ist eine Art „Hobby-Farmer und Bourbon-Kenner“ wie ihn die News frech beschreiben und frisch in die Einöde gezogen wie Jean de Florette bei Marcel Pagnol. Auch die Kinder werden interessant charakterisiert, vor allem die Tochter, die das Necronomicon auf dem Nachttisch liegen hat. Diese schrecklich nette Familie wächst einem mit ihren Schwächen schnell ans Herz. Das Haus der Gardeners ist herrlich gespenstig und erinnert an Kings Shining-Serie aus den 90ern mit ihrer irrealen Beleuchtung der Fenster. Lediglich der Garten sieht arg künstlich aus, auch ohne bösartige Farbe, die bald alles falschfarben und faul werden lässt. Dafür umso herrlicher: wuschelige Alpakas, die hier bald zu ALL-Pakas werden. Der verschrobene Einsiedlernachbar könnte ein Direktimport aus Twin Peaks sein, eine Art Dr. Jacobi, und ergänzt das Bild perfekt. Das ist das besondere: alle Charaktere sind interessant und liebenswürdig gezeichnet, besonders aufgrund ihrer Schwächen, das ist auch wichtig, damit wir anschließend mit ihnen leiden können. Nicolas Cage als Familienvater scheint erstaunlich prominent besetzt, aber er macht das durch sein Spiel schnell vergessen, das mich bald in seinen Bann zog. Wir erleben hier eine seiner besten Rollen in seiner Karriere. Es ist eine Wonne, ihm dabei zuzusehen, wie er sich anfangs nervös kratzend und hilflos blickend versucht, der Situation zu stellen, und dann immer weiter in den Wahnsinn abgleitet. Auch Joely Richardson spielt gut die Ehefrau, wobei sie mich immer wieder auf positive Weise an Laura Dern erinnert. Stanley schafft es meisterlich, wie John Ford in wenigen Sätzen seinen Figuren eine Persönlichkeit zu geben, die den Zuschauer fesselt. Besonders loben will ich die Spezialeffekte, die hier ausgezeichnet sind, vom Einschlag des Meteoriten, bis zu der veränderten Natur, aber auch den geisterhaften Farbblitzen im Wald, die der Landvermesser bemerkt. Vor allem aber auch am Ende, mit dem Verwischen des Gesichts, das mich an die Wurmlocheffekte in Robert Wises ikonischem Star Trek The Motion Picture erinnerte. Der Körperhorror ist dort, wo er nötig ist, wirksam eingesetzt und abstoßend wie schön zugleich, etwa wenn das Gesicht merkwürdig wie Lava leuchtet. Diese Meisterschaft verhindert das große Problem der Story: obwohl die meisten wissen, wie die Geschichte um DIE FARBE AUS DEM ALL ausgeht, ist es eine Freude, dem bunten und tödlichem Treiben zuzusehen, weil hier ein geschicktes Drehbuch auf einen visuell beeindruckenden Experimentalfilmtrip trifft. Dass Anfang und Ende so wunderbar aus dem Buch zitiert werden und damit auch die Sprache Lovecrafts gewürdigt und gefeiert wird, rundet das Ganze ab. Hervorzuheben ist auch die Musik, komponiert vom kanadischen Jazzmusiker Colin Stetson, die einprägsam, drastisch und schön zugleich ist und mit ihren Bässen unter die Haut geht. Gelungen! 9/10 (11.05.2020)
Der Film ist bei Koch Films in mehreren, hervorragenden Editionen erschienen, von denen besonders die Ultimate Edition ein Prachtstück in jeder Sammlung darstellen dürfte. Unter den zahlreichen Extras befinden sich sogar auch meine beiden experimentellen Lovecraft Adaptionen THE GARDEN und COLOR OUT OF SPACE.

THE MANITOU (CA/USA 1978, William Girdler)

Dass unfreiwillige Schwangerschaften teuflisch unangenehm enden können, wissen wir spätestens seit ROSEMARY‘S BABY von 1968. Im zehn Jahre später gedrehten THE MANITOU, einer ziemlich genauen Verfilmung des Romans von Graham Masterton, wächst das Grauen gar auf dem Rücken heran. Genauer gesagt: ein mächtiger Medizinmann, der sich wegen des Genozids an den US-Ureinwohnern vor 400 Jahren an den Weißen von heute rächen möchte. Die Themen des Körperhorrors, die dafür bedient werden, sind seit William Friedkins Welterfolg THE EXORCIST (1973) und Cronenbergs Œuvre nicht neu. Dennoch erstaunt mich der Film, wie er die erste Stunde versucht, die scheinbar absurde Geschichte glaubhaft und spannend aufzubauen. Es werden Seancen abgehalten, okkulte Fachgeschäfte aufgesucht, ein Professor besucht, der extra dafür seine verstaubte Dachbodenbibliothek zeigt und Sprüche entschlüsselt, aber auch der Massenmord an den Indianern angesprochen, als der Medizinmann helfen soll. Passend, dass für die scheinbaren Erdbeben als Kulisse San Francisco ausgewählt wird, dessen Aufnahmen moderner, steriler Hochhausbauten in schönem Kontrast zum Landleben der Native Americans und ihren Mythen steht. Schön auch die Idee der Deformation, weil moderne Röntgentechnik offenbar nicht zuträglich für die fleischliche Reinkarnation ist. Das Filmende ist zwar konsequent, kann aber heute nicht mehr ganz überzeugen. Regisseur Girdler war damals ganz im Star-Wars-Fieber und wollte etwas Ähnliches. Ich frage mich, wie das damals gewirkt haben muss, denn zwei Jahre später kam Robert Greenwalds XANADOO heraus, der ähnliche Szenen bot wie in LASERSTURM (ein deutscher Titel von THE MANITOU). Tony Curtis im Cast zu lesen verwirrte mich zunächst etwas. Er spielt den abgehalfterten Wahrsager, der alte Damen aufmuntert, aber sehr glaubhaft und sein passend eingestreuter Humor gibt die richtige Würze. Leider war es der letzte Film von Regisseur William Girdler, der im Alter von 30 Jahren bei einem Flugzeugabsturz auf den Philippinen ums Leben kam. 7/10 (30.04.2020)

HARD TO HANDLE (USA 1933, Mervyn LeRoy)
Als sein Partner das Preisgeld eines Tanzmarathons stiehlt, muss er sich eine Menge einfallen lassen, um die Gewinner zu versöhnen. James Cagney gaunert sich voller spitzbübischem Charme durch diese frühe Pre-Code-Komödie der 30er Jahre, die noch ganz ungezwungen daherkommt und man sich noch auf den Mund küsste. Highlight ist die Schatzsuche ohne Schatz, bei der Hunderte Teilnehmer einen ganzen Vergnügungspark verwüsten. Aber auch die raffgierige Mutter der Freundin ist ein starkes Stück oder die reiche, betagte „Influenzerin“, mit der er sich um standesgemäße Entlohnung streiten muss. Ein kleines Juwel aus dem Warner Archive. 7/10 (23.04.2020)

DOCTOR SLEEP (UK/CA/USA 2019, Mike Flanagan)

Filmische Fortsetzungen von Kubrick-Werken haben es immer schwer. Als Peter Hyams 1984 eine Fortsetzung zum epochalen Vorgänger „2001 - A Space Odyssey“ drehte, schuf er einen durchaus passablen und unterhaltsamen Film, der aber darüber hinaus so wenig vergleichbar war wie ein Fertigteilhaus mit einer Kathedrale. Bei „Doctor Sleep“, einer Adaption des Romanfortsetzung von Stephen King, verhält es sich ähnlich. Hier sehen wir sogar kurzzeitig während einer Reise im Knoten eine Kathedrale, der Film traut sich aber nicht, diese zu etablieren. Wo Kubrick die Drehorte wirken ließ, sehen wir hier Parkbänke, die überall stehen könnten. Und dabei sind wir in den Südstaaten! Überall hängt da Ewigkeiten überdauerndes Moos von den Bäumen, die schwüle Luft mit ihrer morbiden Atmosphäre wäre zum Greifen nah. So richtig bedrohlich wirken die Bösewichte im New-Orleans-Chic mit Hut nicht, da helfen auch die obligatorischen Fulci-Augen nicht. Dabei werden sie ja im Roman als durchaus wohlhabend beschrieben und sollen im Kapital vernetzt sein. Intensiv wird es in der Inszenierung erst, wenn Kinder malträtiert werden, umringt von David-Lynch-Industriebauten. Und all das nur, damit der Zuschauer billigen CGI-Seelenhauch sieht? In der Stummfilmzeit hat man das früher mit Schauspiel gelöst. Vom absurd dargestellten Peter-Pan/Superwoman-Flug ganz zu schweigen. Überraschend plump kommen die musikalischen Ideen daher. Neben wenigen Referenzen zu Penderecki/Ligeti aus „The Shining“ oder den Ray-Noble/Al-Bowly-Schlagern hört man hauptsächlich Herzschläge, die die Spannung beschleunigen sollen. Sehr schade! Da der Film direkt versucht, an Kubricks Vision anzuknüpfen, wurde der Schluss auch geändert und es geht ins Overlook-Hotel. Diese Reise gelingt, und es ist eine Wonne zu sehen, wie das Hotel wieder aktiviert wird. Zugleich fühlt man sich bei soviel Akuratesse der Bauten und des lockenden Fan-Services aber auch an der Nase herumgeführt. Am Ende hatte ich genau das gleiche Gefühl wie nach „2010 – The year we make Contact“: Es war schön und unterhaltsam, zu sehen, wie es weitergeht. Als filmischer Meilenstein wie „Shining“ wird „Doctor Sleep“ allerdings nicht in die Geschichte eingehen. Als unterhaltsamer Zeitvertreib, vor allem angesichts des misslungenem und im gleichen Jahr veröffentlichten „Es Kapitel 2“, durchaus. 7/10 (13.04.2020)

HOT DOG… THE MOVIE (USA 1984, Peter Markle)

Die Anfangsszene des Films könnte aus einem der zahlreichen Psycho-Filme stammen: ein junger, schüchterner Boy-next-Door nimmt eine zerstreute Anhalterin mit, die keine Verwandten mehr hat. Als sie im Motel einchecken, nichts passiert und den nächsten Tag weiterfahren ins Ski-Resort Squaw Valley weiß man, dass hier alles anders ist als man erwartet. Beim Check-in ins dortige „Fantasy Motel“ mit Plüsch-Wänden und Wasserbett in Herzform werden sie gleich von einer nackten Empfangsdame begrüßt, was einem der Produzenten, der im Bonusmaterial davon berichtet auch so gegangen sein soll und er es deshalb in den Film eingebaut hat. Obwohl der Film also gelegentlich gekonnt Russ-Meyer-Terrain streift, geht es aber vor allem um Ski-Fahren, und zwar um das titelgebende „Hot Dog“-Skifahren. Bei diesem „Freestyle“ ging es darum, die Fahrt zum Ballett zu machen, Buckel­pisten zu meis­tern und vom Schnee abzu­heben. Und es ist beeindruckend, wie dynamisch die Kamera das einfängt. Offenbar ist die 35mm-Kamera meist hinter oder parallel zum rasanten Geschehen auf der Piste unterwegs gewesen. So gut choreografierte Sprünge habe ich selten gesehen und man staunt nicht schlecht, wie dramatisch das in Zeitlupe sein kann. In der jetzigen 80er-Retrowelle zeigt der Film aber vor allem, wie die frühen 80er wirklich waren: politisch inkorrekt, sexuell ungehemmt und voller bunter Farben: allein die Ski-Bekleidung und die Vielfalt an Sonnenbrillen ist ein visuelles Fest und weckt zahlreiche Erinnerungen. Das Label Synapse hat den Film in den USA mustergültig restauriert und mit einer langen Dokumentation versehen. Ein Ski-Fest in Zeiten unseres schneelosen Winters. 7/10 (29.02.2020)

IL MIELE DEL DIAVOLO/THE DEVIL’S HONEY (I 1986 Lucio Fulci)

Dass man als Hirnchirurg Eheprobleme nicht mit den OP-Saal nehmen sollte, zeigt Fulcis Film, der im Deutschen den Titel „Dämon in Seide“ trägt. Der Film, welcher erstmals hervorragend restauriert in HD vorliegt, gefällt vor allem wegen der intensiv und glaubwürdig dargestellten Liebesgeschichte zwischen dem Musiker Johnny (der Mickey Rourke verdammt ähnlich sieht) und Jessica. Wenn der Regisseur eine neue Variante zeigt, wie man ein Saxophon einsetzen kann, sieht man gleich zu Beginn, dass man hier keinen x-beliebigen Erotikfilm vor sich hat, sondern ein Drama, bei dem alle Beteiligten tragische Helden sind und der Regisseur große Freude hat, seine Ideen zu auszuinszenieren. Als Zuschauer fühlt man hier immer mit, was ein großes Kompliment ist. Aber auch die Kameraarbeit ist gelungen: Szenen am Meer, auf der Landstraße oder in Venedig machen einen stimmungsvollen Film, bei der Motorradfahrt ist man gebannt. Der Schäferhund mit einer wahrhaft Freudschen Obsession hinsichtlich verschlossener Türen ist da noch das i-Tüpfelchen auf dem Film voller schöner und (gefährlicher) Frauen. 7/10 (28.02.2020)

MANHATTAN BABY/L'OCCHIO DEL MALE/DAS AMULETT DES BÖSEN (I 1982, Lucio Fulci)

Was wäre, wenn Rosemarys Baby groß geworden wäre? Vielleicht ließe sich damit erklären, warum der englische Originaltitel ein Baby erwähnt, obwohl im Film keins vorkommt. Aber Schwamm drüber, denn hier erleben wir noch einmal Fulci auf dem bereits zu verblassen beginnenden Höhepunkt seines Schaffens: große Außendrehs in Ägypten und New York, gute Kameraarbeit (etwa das rote Lampenlicht, welches auf das Gesicht des Mädchens fällt), eine holprige, aber atmosphärische Handlung und ein paar schöne Horror-Einfälle. Besonders die Szenen in Ägypten gefallen, welche die ersten 30 Minuten des Films unvergesslich machen. Selbst an Abenteuerfilme wie INDIANA JONES erinnernde Schockmomente wirken trotzdem sympathisch. Man bekommt ein Gefühl für den Ort und selbst ein Steinboden mit seinen kunstvollen Mustern trägt zur Stimmung des Films bei. Wie Rollin schöpft Fulci allerdings auch aus seinem eignen Werk und baut Referenzen ein: die weißen Augen und das Thema des Tors zum Jenseits aus L'ALDILÀ, Kinderdarsteller Giovanni Frezza, bekannt aus QUELLA VILLA ACCANTO AL CIMITERO aber auch die wiederkehrende, poppige Musik, die wir schon aus PAURA NELLA CITTÀ DEI MORTI VIVENTI kennen. Gegen Ende des Films ist die Handlung stark von Friedkins THE EXORCIST geprägt, was auch kein Wunder ist, hatte doch Friedkin damit den erfolgreichsten Horrorfilm aller Zeiten gedreht, was viele Nachahmer anzog. Dies Fulci vorzuwerfen, finde ich allerdings falsch, da er das Thema trotzdem einigermaßen geschickt in seine Handlung einbaut und einen bei der Vielzahl an Referenzen von DIE MUMIE bis POLTERGEIST den geübten Zuschauer ohnehin nichts mehr wundert. Es war der teuerste Film, den Fulci for Produzent Fabrizio De Angelis gedreht hat. Als das Budget dann um 3/4 gekürzt wurde, konnten allerdings viele Ideen nicht mehr realisiert werden und besonders die zweite Hälfe des Films ist problematisch. Trotzdem ein schöner Abschluss meiner Sichtung einer ganzen Reihe von Fulcis um das Jahr 1980 gedrehten Filme. Wohlwollende 5/10. (27.02.2020)

A KID FOR TWO FARTHINGS (UK 1955, Carol Reed)

„I‘ve got a Unicorn“ ruft der kindliche Hauptdarsteller aus, und plötzlich fühlt auch der Zuschauer, dass wir in ein Zwischenreich der Möglichkeiten kommen; wie im Märchen, als „das Wünschen noch geholfen hat“, wie es bei den Brüder Grimm heißt. Denn der Ort des Geschehens ist ziemlich trist: der hektische Markt auf dem Londoner East End nach Ende des Zweiten Weltkrieges: Dreckige Straßen mit herumfliegendem Müll, Straßenhändler, die gleich am Arbeitsplatz hausen, große Träume und große Desillusionierung zugleich. Der interessanteste Charakter ist sicherlich Kandisky, der sein Leben lang von einer Dampfpresse träumt und alles entbehrt, damit wenigstens Joe seinen Möglichkeitssinn à la Musil nicht verliert. Filme wie diese, ganz aus dem Herzen geboren, schlagen bei mir immer ein wie eine Bombe. Unnötig zu sagen, dass ich hier nicht nur einmal den Tränen nah war, was mir nur bei ganz wenigen Filmen passiert. Denn man sieht gerne die Welt durch die Augen des kleinen Jungen, der vielleicht noch in uns wohnt und erkennt, dass selbst in bitterer Ausweglosigkeit immer noch die heilende Flucht in die Phantasie eine Tür aufstoßen kann. 8/10 (18.02.2020)

SIEBEN OHRFEIGEN (D 1937, Paul Martin)

Siebenmal will Willy Fritsch alias William Tenson MacPhab einen Industriemagnaten ohrfeigen, weil er ihn durch Finanzspekulation um seine sieben Mark gebracht hat. Bei Nennung der Summe merken wir schnell: es handelt sich um eine typisch heitere Screwball-Komödie, wie man sie damals aus den USA kannte. Erich Kettelhut erweckt wie damals schon Metropolis geschickt die Finanzmetropole London im Studio zum Leben. Während das Drehbuch einfältig, aber charmant ist, rettet Willy Fritsch mit seinem stürmisch-heiteren Spiel den zähen Film und trägt ihn. Nach GLÜCKSKINDER (1936) spielt er hier abermals mit Lillian Harvey – zurecht, denn die Chemie zwischen beiden stimmt. Man nannte sie nicht umsonst das „Traumpaar des deutschen Films“ und dies ist ihre 14. und letzte Zusammenarbeit. Alfred Abel, den man aus dem Stummfilm Metropolis kennt, spricht hier und ist ein guter Widersacher. Heitere Muse in einer vorzüglich restaurierten Fassung vom Originalnegativ. Kein Meisterwerk, aber solide inszeniert und gespielt. 6/10 (18.02.2020)

UNA LUCERTOLA CON LA PELLE DI DONNA/A LIZARD IN A WOMAN'S SKIN (I 1971, Luici Fulci)

Ich habe an Fulci immer bewundert, dass er an so vielen unterschiedlichen internationalen Schauplätzen im Laufe seiner Karriere gedreht hat. Sind es später die Südstaaten der USA in FROM BEYOND oder auch New York, kommt man in LIZARD IN A WOMEN'S SKIN (1971) nach London. Aber nicht das London der Swinging Sixties, welches man aus Antonionis BLOW-UP erkennt, sondern das der Hippie-Ära. Fulcis Weltsicht wurde nach dem Tod seiner Frau immer düsterer, und so werden auch die jugendlichen Protagonisten der Gegenbewegung nicht sonderlich positiv gezeichnet. Aber auch die Bourgeoisie wird steif und voller unterdrückter Obsessionen im Split-Screen gezeigt, seit Stevensons gesellschaftskritischem Roman DR. JEWKYLL UND MR. HYDE scheint sich nicht viel geändert zu haben. Umringt werden die Protagonisten von Symbolen der Macht und so wird Architektur in diesem Film interessant in Szene gesetzt. Albert Hall und Woburn Abbey House, etwa. Der Alexandra Palace etwa liefert die Kulisse für eine unheimliche Verfolgungsjagd, die mich mit ihrer überdimensionaler Orgel sogar etwas an CARNIVAL OF SOULS (1962) erinnert hat. Kein Wunder, dass Carol ihren abgründigen filmischen Verlauf nimmt. Und wie visuell beeindruckend er in Szene gesetzt wird: das Spiel mit der Erinnerung, starre Blicke, flauschige Kissen, Körperhorror, Tierhorror, Katakomben, Dächer, Suspense! Typisch für einen Giallo sind auch hier die Damen edel gekleidet und wir betreten ein Milieu, das dem Durchschnittsbriten damals sicher fremd war, das macht schaulustig. Erstaunlich, wie der Film neben seiner vorzüglichen Bildgestaltung und der Musik Morricones eine wirklich spannende Geschichte inmitten seiner wilden Experimentalfilmästhetik erzählt. Bis zum Schluss fiebert der Zuschauer mit und wird mit vielen falschen Fährten verführt. Das Schlussbild zeigt einen Friedhof, um dann zu Touristen auf der Themse zu schwenken. Well done! 7/10 (17.02.2020)

DIE NACHT DER GEJAGTEN/LA NUIT DES TRAQUÉES (F1980, Jean Rollin)
Rollins zweiter Teil seiner Trilogie über katastrophale Unfälle unserer modernen Zeit ist von einer ganz anderen Ästhetik geprägt, als LES RAISINS DE LA MORT oder der spätere LA MORTE VIVANTE. Passend zur futuristisch anmutenden Kernkraft, lässt er die Handlung im seelenlos-kalten Neubau-Arrondissement La Défense spielen. Karges Gestrüpp scheint die Wolkenkratzer zu erobern, menschgemachte Wasserflächen werden im tosenden Sturm zu reißenden Gewässern. Derweil verschütten drinnen an rätselhafter Amnesie leidende Patientinnen Hummersuppe und schlafwandeln durch die hoffnungslos kalten, sinnentleerten Gänge. Der Film lässt einen unweigerlich an Cronenbergs Großwerke wie SHIVERS oder RABID denken, krankt aber an eigentlich allen, plump inszenierten und überflüssigen Erotikszenen, die seine Geldgeber zu seinem Leidwesen einforderten. Wenn der vermeintliche Retter dann aber plötzlich Walzer tanzt ist man sofort wieder in Rollins surrealer Welt. Die stärkste Szene ist sicher die unfassbar poetische, minutenlange Schlusseinstellung, die ohne ein Wort zu verlieren, alles sagt. 6/10 (16.02.2020)

LA SIRÈNE DU MISSISSIPI/DAS GEHEIMNIS DER FALSCHEN BRAUT (F 1969, François Truffaut)
Ein Jahr nach den Unruhen im Mai 1968 kam der neue Truffaut ins Kino, nach dem Roman WALTZ INTO DARKNESS von Cornell Woolrich. Revolutionär geht es allerdings nur in der dem Film vorangestellten Widmung an Truffauts Vorbild, Jean Renoir, zu, bei dem ein Ausschnitt aus LA MARSEILLAISE (1938) gezeigt wird: die Wiedervereinigung zwischen Regierungstruppen und Revolutionsgarde. Danach ist der Film reif für die Insel, und zwar die danach benannte Insel La Réunion, die früher Île Bourbon, hieß, richtig: von da kommt die Vanille. Die prinzipiell spannende Handlung ähnelt Hitchcock, vor allem Marnie und Vertigo, was kein Zufall ist, galt Truffaut doch in der Redaktion der Cahiers du Cinéma zu den glühenden Verehrern und hat ihm mit seinem Interviewband MR. HITCHCOCK, WIE HABEN SIE DAS GEMACHT? ein Standardwerk verfasst. Dem Zuschauer wird hier vieles geboten: Tote Vögel, Koffer mit und ohne Geld, eine sprichwörtliche Leiche im Keller, Cabrios, Schnee und eine nackte Hauptdarstellerin. Dazu noch ein Schuss Lokalkolorit à la Jean Rouch und ein Belmondo, der wie aus einem seiner Actionfilme importiert wirkt, etwa, wenn er ohne Stuntman flink eine Häuserfassade hochklettert, sich den Rest des Films aber sichtlich bremst, um als ruhiger Saubermann in Form eines typisch-romantischen Truffaut-alter-Egos durchzugehen. Und da kommen wir auch schon zum großen Problem, dass der Film hat: Belmondo und Deneuve sind für sich genommen großartige Schauspieler*innen, hier wirken sie aber völlig fehlbesetzt. Zwischen beiden herrscht so viel knisternde Chemie wie zwischen Depp und Jolie in THE TOURIST, nämlich keine. Die spielen zwar, aber sie transportieren nichts, wodurch die ohnehin rasante Handlung umso unglaubwürdiger wirkt und dadurch das dramatische Ende völlig in den Sand, pardon, Schnee gesetzt wird. Hinzu kommt, dass Antoine Duhamel hier eine der schlimmsten und anstrengendsten Filmmusiken seiner Karriere abgeliefert hat. Man hätte sich hier eher etwas vom Stile Herrmanns gewünscht, der mit Truffaut bei dem schönen DIE BRAUT TRUG SCHWARZ zusammengearbeitet hatte. Nach dem Film vertraute Truffaut nur noch Georges Delerue die Vertonung seiner Filme an. Warum ich mir trotzdem die neue Blu-Ray des Films geholt habe? Zum einen, weil er zum ersten Mal in Cinemascope erlebbar ist, nachdem jahrzehntelang nur eine alte MGM-DVD in beschnittenem 1,66:1 vorlag. Dadurch sieht man den Film erstmals in seiner visuellen Pracht, wie er gedacht war. Zum anderen ist die Insel La Réunion ist der heimliche Star über weite Strecken des Films. Die Fahrt durch die Palmenallée, die Plantagen, die Kirche, der große Baum, unter dem die beiden sich verliebt unterhalten, die an Vertigo erinnernde Fahrt durch die Hauptstadt, die großen Schiffe am Hafen, so wie die Exotik, die hier mitschwingt. Interessant fand ich, dass der Himmel immer ziemlich verhangen war, was gut zur Stimmung des Films passte. Leider war das in der Mitte des Films schon wieder vorbei, als es in ein Frankreich geht, das aus einem Chabrolfilm stammen könnte. Als Fazit könnte man an Stroheim angelehnt sagen: A film you love to hate. Unvergesslich ist er auf jeden Fall. 6/10 (01.02.2020)

HÖHLE DER GESETZLOSEN/CAVE OF OUTLAWS (USA 1951, Willam Castle)
Der spätere Horrorregisseur William Castle macht hier eine Höhle zum Star: Carlsbad Caverns National Park in New Mexico. Erstaunlich, wie sie zur Verwandlung imstande ist, sobald sich die Protagonisten des Films aus ihren unterschiedlichen Motiven in sie hineinschrauben. So unterschiedlich wie ihre geologische Formation ist aber auch dieser Western, der auch ein Film noir, Krimi oder Sozialdrama hätte sein können. Denn bei der Rückkehr aus dem Gefängnis, biedert sich eine ganze Stadt dem Ex-Sträfling an, um an das vermeintliche Gold zu kommen. Alexis Smith als Elizabeth Trent zieht sich ihr prächtigstes Gewand an, damit es auf Technicolor auch dem Zuschauer die Sinne im sonst grau-matschigem Western-Einerlei betört. Mit einem besseren Hauptdarsteller wäre noch einiges mehr drin gewesen. So bleiben nur 6/10 Punkte.

SIE TANZTE NUR EINEN SOMMER!/HON DANSADE EN SOMMAR (S 1952, Arne Mattsson)
Ein Film als einzige Rückblende: denn gleich zu Beginn erfahren wir, dass die attraktive Hauptdarstellerin dieses „Schwedenfilms“ bereits nicht mehr ist. Zwei Jahre vor Bergmans grandiosem DIE ZEIT MIT MONIKA ist hier nicht die Ehe das Ende des unschuldigen Glücks, sondern die ätzend-reaktionär und fundamental-religiöse Dorfgemeinschaft, für die das Wort Hinterwäldler geradezu erfunden worden scheint. Ein Lehrstück, dass man sich als Abiturient aus der Stadt zwar in ein Bauernmädchen verlieben kann, aber die Liebe eben nicht alles bezwingt, wie es sonst auf Kühlschrankmagneten heißt. Wenn Ulla Jacobsson im Bonusmaterial erzählt, dass es damals tatsächlich so in der schwedischen Provinz zugegangen sei, ist man umso mehr entsetzt. Es ist nur folgerichtig, dass vier Jahre später James Dean in den USA mit REBEL WITHOUT A CAUSE die Jugend verführerisch aufbegehren ließ gegen ängstliche Eltern und muffige, destruktive Institutionen. Arne Mattssons Film hat eine an sich spannende Handlung und man fragt sich ständig, wie wohl Bergman es inszeniert hätte. Denn die Bildkompositionen sind wie das dargestellte Dorf: einfältig, der Schnitt bieder und die Handlung träge. Trotzdem fühlt man gerne das kurze Glück der jugendlichen Darsteller mit, denen scheinbar die ganze Welt zu Füßen liegt, wenn sie zusammen sind, wie Gott sie schuf. 5/10 Punkte.

MÖDERSPINNEN/KINGDOM OF THE SPIDERS (USA 1977, John „Bud“ Cardos
Was ist, wenn der Monsanto-Bauer so viel gespritzt hat, dass jenseits der Profitsteigerung kein Kerbtier mehr auf den Monokulturen Arizonas übrigbleibt? Richtig! Dann übernehmen die achtbeinigen Spinnenfreunde das Ruder und setzen Mensch und Tier auf ihren Speiseplan. Eine ähnliche Öko-Alptraumversion schuf ein Jahr später auch Jean Rollin mit LES RAISINS DE LA MORT (1978), wo der Winzer so viel Pflanzenschutzmittel ausbrachte, dass der nette Erntehelfer von nebenan zum bösen Zombi mit Jenseitsallüren wurde. Bei MÖRDERSPINNEN hat aber einer schnell den Durchblick: William Shatner ist geradezu geschaffen, um in seiner schnodderigen Art die Handlung voranzutreiben. Dabei baggert er auf Altherrenart gerne alles an was weiblich ist und zwei statt acht Beine hat und zeigt, dass er vor keiner (harmlosen Vogel-)Spinne Angst hat. Hut ab vor soviel Mut, das muss man ihm lassen. Denn wir lernen schnell, dass die putzigen Kerlchen auch Autos und Flugzeuge durch ihr listiges Spinnenwerk zerstören können! Am Ende des sehr unterhaltsamen Streifens fühlt man sich an Hitchcocks DIE VÖGEL erinnert, etwas einfallslos, aber durchaus passend. Besonders schön ist, dass der Film wirklich im Canyon-Staat Arizona gedreht wurde. Die typischen Berge und Ebenen geben herrliche Bildkompositionen, in die sich jeder, der mal dort war, ohnehin unsterblich verliebt haben dürfte. Ein Gute-Laune-Film! 7/10 Punkte.

MR. SARDONICUS (USA, 1961, Willam Castle)
Was für ein bunter Film, dabei ist er ganz in schwarzweiß: Eine Mischung aus „THE MAN WHO LAUGHS”, „NOSFERATU” (Die Kutschfahrt!) einem Schuss Franju, einprägsamen Lottospiels, eloquenten Adeligen à la Hammer Studios und viel Spaß! Wenn das Schloss als Totenkopf dargestellt wird, weiß man eigentlich gleich, was hier gespielt wird und vermutet hundertmal gesehene Klischees. Aber trotzdem gelingt es Zauberkünstler Castle ganz, uns mit in die Geschichte hineinzunehmen und uns alles für bare Münze nehmen zu lassen, was er uns auftischt. Die geschliffenen Dialoge schaffen es, dass wir der Handlung bereitwillig folgen. Mit der der Blu-Ray-Edition beiliegenden, im Dunkeln leuchtenden Karte konnte man für ein Ende abstimmen. Daumen hoch auch für den kenntnisreichen Audiokommentar mit Robert Zion! 7/10

DIE NACHT DES TODES/ LA NUIT DE LA MORT! (F 1980, Raphaël Delphard)
Wer meint, Rollin sei Ende der 70er der einzige hartnäckige Genreregisseur-Gallier, der einer radikalem Autoren-Filmkritik in Frankreich widersteht, irrt gewaltig. Raphaël Delphard legt uns hier seine Visitenkarte hin und zeigt, dass man Bourgeoisiekritik nach Buñuel und Chabrol im Film noch toppen kann, dass es kracht (und spritzt). Elf Jahre nach Narciso Ibanez Serradors LA RESIDENCIA und drei Jahre nach Argentos SUSPIRIA kommen wir hier nicht in ein Mädcheninternat oder eine Balettschule, sondern passend zur heutigen Rentnerrepublik in eine weitere geschlossene Institution: eine Seniorenresidenz. Deren hoher Verschleiß an Arbeitskräften macht schnell argwöhnig und so erfahren wir recht schnell, dass hier die Ausbeutung der Arbeitskraft im Dienste der ungewöhnlich langlebigen Heimbewohner bluternst genommen wird. Am 28. des Monats herrscht helle Freude, wenn es da um die Wurst geht. Der Film besticht vor allem durch die tiefe Zeichnung aller Protagonisten. Jeder hat eine Hintergrundgeschichte, die jeden noch so Buñuelesken Bewohner realistisch erscheinen lässt. Am spannendsten ist sicher der psychotische Hausangestellte mit Herz. Schon allein die Szene in seiner Wohnung zeigt seine Zerrissenheit. Aber auch die Inszenierung und Kameraarbeit ist herausragend. Wenn die Heimbewohner des nachts mit expressionistisch verzerrten Gesichtern durch die Gänge streichen, mit Blick in die Kamera und damit den Zuschauer, fühlt man sich selbst in die Enge getrieben. Neben ungeheuer realistischen Körperhorrorszenen gibt es aber auch immer skurril-komödiantische Stellen: Etwa, wenn die bezaubernde Isabelle Goguey alias Martine sich auszieht und die gesamte Hausgemeinschaft ihr lechzend dabei zusieht! Das nenne ich gelungenes Affektmanagement! Überhaupt hat man mit Martine endlich eine denkende, kluge und selbstbewusste Frau (ihrem „Freund“ schreibt sie, dass sie ihm nicht auf der Tasche liegen will), die ganz anders agiert als die hilflosen Argento-Dummchen in seinen märchenartigen Spielhandlungen. Ob ihr das hilft, finden wir am Ende des vielschichtigen, spannend und überraschend erzählten Films heraus. Herausragende 8/10!

QUEEN OF THE DESERT/DIE KÖNIGIN DER WÜSTE (USA/MAR 2015, Werner Herzog)
Werner Herzogs Spielfilm QUEEN OF THE DESERT ist vielleicht mit 36 Mio. $ Produktionskosten sein aufwendigster in der letzten Zeit. Er erzählt von Gertrude Bell, die bekanntermaßen bei der Neuordnung Arabiens nach dem Ersten Weltkrieg als Beraterin mitgewirkt hatte. Gleich zu Beginn des Films wird am Tisch mit T.E. Lawrence und Churchill die Bedeutung dieser Frau hervorgehoben, die geopolitischen Karten gemischt und Gertrude Bell ehrfürchtig eingeführt. Wer nun aber denkt, Herzog drehe einen zweiten Monumentalschinken à la David Lean, der irrt. Er will es gar nicht. Im Interview sagte er, dass sein Produzent ihm eines Tages die Briefe und Tagebücher Bells gegeben hätte und er ihnen sogleich verfallen sei. Wir erleben hier sozusagen Herzogs GERTRUDE BELL. Ähnlich Fellinis CASANOVA eben Fellinis Sicht auf die Figur ist. Oft wird Herzog nur an seinen frühen Erfolgen wie FITZCARRALDO und AGUIRRE gemessen, aber er hat davor und danach unzählige eindrucksvolle Dokumentarfilme gedreht, mit Menschen, die aus der Reihe fallen, für ihre Träume kämpfen und die Poesie noch nicht aus ihrem Leben verbannt und gegen Geld getauscht haben. Ob in der Antarktis oder bei den Urmenschen. Durch diese Brille gesehen erlebt man mit QUEEN OF THE DESERT in der Tat einen waschechten Herzog: eine Frau, die in der falschen Umgebung verkümmert wäre, aber in der Wüste zum Mittler wird, die mit Beduinenfürsten über Rimbaud, Baudelaire und das Wesen von Vergils Gedichten spricht, die in der Wüste ein Bad nimmt! In einer schönen Szene will sie ein gekochtes Ei und der Diener antwortet, dass er noch nie ein Ei gekocht habe. Er fragt, wie lange fünf Minuten seien, weil die Wüste keine Zeit kenne. „So lang wie ein Gebet“, antwortet sie. Das sind typische Herzog-Szenen. Auch, wie er sich viel Zeit nimmt, die Kamele an der Tränke zu filmen, wie glücklich sie danach aussehen und wie sie schnauben und schreien. Man bekommt hier ein unmittelbares Gefühl, wie sich das weite Land anfühlt, wie es riecht und wie es ist, über porzellanartigen Salzboden zu laufen. Kurz: die Schönheit und Poesie der Welt einzuatmen. Man sieht Bell immer wieder mit schwarzer Tinte Briefe schreiben, das wirkt sehr authentisch und würde man so vermutlich heute kaum anderswo gefilmt sehen. Bei ihren Liebhabern ist es ähnlich, der eine geht immer auf den Berg, wenn er einsam ist. Auch der Humor kommt nicht zu kurz, ganz aus dem Geschehen heraus: der versuchte Kuss bei dem Aasgeier, eine herrlich absurde Szene. Nicole Kidman spielt ihre Rolle ziemlich überzeugend, auch wenn man eben immer Nicole Kidman sieht. Auch Robert Pattison spielt nicht so affektiert wie O’Toole, aber doch liebevoll-träumerisch und erinnerungswürdig, etwa in der Szene, als er wild zwei Tigerbabies in die Kamera als Symbol des Empires hält. Auch die Rolle der Fotografie ist interessant, wenn Gertrude immer wieder Gruppenbilder schießt und diese dann im Film recht lang gezeigt werden. Am Ende, beim Nachsinnen über Englands politische Ambitionen in Arabien sagt T.E. Lawrence im Film: „Ich fürchte um mein Land, wenn ich daran denke, dass Gott gerecht ist.“ Solche Zeilen wirken lange nach und kommen nur gelegentlich vor. Herzog will in diesem Film eben nicht erklären oder belehren, sondern uns eher wieder die Augen öffnen für Poesie und Kultur, die uns seit Jahrtausenden täglich gratis umgibt; die Empathie, auf Fremde mit Liebe zuzugehen und die Demut vor der Natur. Weniger Verstand, sondern mehr Gefühl. Ein Film mit ein paar Schwächen, den man mehrmals sehen sollte, um die manchmal allzu glatte Oberfläche zu durchbrechen. Sehenswert!