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COLOR OUT OF SPACE/DIE FARBE AUS DEM ALL (MYS, PRT, USA 2019, Richard Stanley)
Von H.P. Lovecrafts berühmter Short Story „Die Farbe aus dem All“ gibt es mittlerweile zahlreiche filmische Adaptionen. Besonders hervorzuheben ist die deutsche Produktion DIE FARBE von Huan Vu, welche die Handlung so geschickt in ein schwarz-weißes, scheinbar Edgar Reitz’ HEIMAT entsprungenem Baden-Württemberg verlegt, dass sie eine der besten Verfilmungen des sperrigen Stoffes darstellt. Denn Lovecraft arbeitet mit verschiedenen Zeitebenen und deutet vieles an ohne dass ausreichend passiert, um einen ganzen Spielfilm zu füllen.
Richard Stanleys fast zweistündige Verfilmung des Stoffes macht alles richtig, er umgeht zahlreiche Fallstricke der Story und bleibt dem Geist der Geschichte treu, ohne zu langweilen. Geschickt bringt er etwa die Figur des Landvermessers mit der Zeitebene der Gardeners zusammen, eine geniale Idee. Dadurch wird die Erzählung auf der Leinwand viel dichter. Außerdem erleben wir die Protagonisten hier als echte Menschen mit Problemen: die Mutter arbeitet gestresst online in Finanzgeschäften auf dem mit einem expressionistischen Fenster versehenen Dachboden, der Vater ist eine Art „Hobby-Farmer und Bourbon-Kenner“ wie ihn die News frech beschreiben und frisch in die Einöde gezogen wie Jean de Florette bei Marcel Pagnol. Auch die Kinder werden interessant charakterisiert, vor allem die Tochter, die das Necronomicon auf dem Nachttisch liegen hat. Diese schrecklich nette Familie wächst einem mit ihren Schwächen schnell ans Herz. Das Haus der Gardeners ist herrlich gespenstig und erinnert an Kings Shining-Serie aus den 90ern mit ihrer irrealen Beleuchtung der Fenster. Lediglich der Garten sieht arg künstlich aus, auch ohne bösartige Farbe, die bald alles falschfarben und faul werden lässt. Dafür umso herrlicher: wuschelige Alpakas, die hier bald zu ALL-Pakas werden. Der verschrobene Einsiedlernachbar könnte ein Direktimport aus Twin Peaks sein, eine Art Dr. Jacobi, und ergänzt das Bild perfekt. Das ist das besondere: alle Charaktere sind interessant und liebenswürdig gezeichnet, besonders aufgrund ihrer Schwächen, das ist auch wichtig, damit wir anschließend mit ihnen leiden können. Nicolas Cage als Familienvater scheint erstaunlich prominent besetzt, aber er macht das durch sein Spiel schnell vergessen, das mich bald in seinen Bann zog. Wir erleben hier eine seiner besten Rollen in seiner Karriere. Es ist eine Wonne, ihm dabei zuzusehen, wie er sich anfangs nervös kratzend und hilflos blickend versucht, der Situation zu stellen, und dann immer weiter in den Wahnsinn abgleitet. Auch Joely Richardson spielt gut die Ehefrau, wobei sie mich immer wieder auf positive Weise an Laura Dern erinnert. Stanley schafft es meisterlich, wie John Ford in wenigen Sätzen seinen Figuren eine Persönlichkeit zu geben, die den Zuschauer fesselt. Besonders loben will ich die Spezialeffekte, die hier ausgezeichnet sind, vom Einschlag des Meteoriten, bis zu der veränderten Natur, aber auch den geisterhaften Farbblitzen im Wald, die der Landvermesser bemerkt. Vor allem aber auch am Ende, mit dem Verwischen des Gesichts, das mich an die Wurmlocheffekte in Robert Wises ikonischem Star Trek The Motion Picture erinnerte. Der Körperhorror ist dort, wo er nötig ist, wirksam eingesetzt und abstoßend wie schön zugleich, etwa wenn das Gesicht merkwürdig wie Lava leuchtet. Diese Meisterschaft verhindert das große Problem der Story: obwohl die meisten wissen, wie die Geschichte um DIE FARBE AUS DEM ALL ausgeht, ist es eine Freude, dem bunten und tödlichem Treiben zuzusehen, weil hier ein geschicktes Drehbuch auf einen visuell beeindruckenden Experimentalfilmtrip trifft. Dass Anfang und Ende so wunderbar aus dem Buch zitiert werden und damit auch die Sprache Lovecrafts gewürdigt und gefeiert wird, rundet das Ganze ab. Hervorzuheben ist auch die Musik, komponiert vom kanadischen Jazzmusiker Colin Stetson, die einprägsam, drastisch und schön zugleich ist und mit ihren Bässen unter die Haut geht. Gelungen! 9/10 (11.05.2020)
Der Film ist bei Koch Films in mehreren, hervorragenden Editionen erschienen, von denen besonders die Ultimate Edition ein Prachtstück in jeder Sammlung darstellen dürfte. Unter den zahlreichen Extras befinden sich sogar auch meine beiden experimentellen Lovecraft Adaptionen THE GARDEN und COLOR OUT OF SPACE.

THE MANITOU (CA/USA 1978, William Girdler)

Dass unfreiwillige Schwangerschaften teuflisch unangenehm enden können, wissen wir spätestens seit ROSEMARY‘S BABY von 1968. Im zehn Jahre später gedrehten THE MANITOU, einer ziemlich genauen Verfilmung des Romans von Graham Masterton, wächst das Grauen gar auf dem Rücken heran. Genauer gesagt: ein mächtiger Medizinmann, der sich wegen des Genozids an den US-Ureinwohnern vor 400 Jahren an den Weißen von heute rächen möchte. Die Themen des Körperhorrors, die dafür bedient werden, sind seit William Friedkins Welterfolg THE EXORCIST (1973) und Cronenbergs Œuvre nicht neu. Dennoch erstaunt mich der Film, wie er die erste Stunde versucht, die scheinbar absurde Geschichte glaubhaft und spannend aufzubauen. Es werden Seancen abgehalten, okkulte Fachgeschäfte aufgesucht, ein Professor besucht, der extra dafür seine verstaubte Dachbodenbibliothek zeigt und Sprüche entschlüsselt, aber auch der Massenmord an den Indianern angesprochen, als der Medizinmann helfen soll. Passend, dass für die scheinbaren Erdbeben als Kulisse San Francisco ausgewählt wird, dessen Aufnahmen moderner, steriler Hochhausbauten in schönem Kontrast zum Landleben der Native Americans und ihren Mythen steht. Schön auch die Idee der Deformation, weil moderne Röntgentechnik offenbar nicht zuträglich für die fleischliche Reinkarnation ist. Das Filmende ist zwar konsequent, kann aber heute nicht mehr ganz überzeugen. Regisseur Girdler war damals ganz im Star-Wars-Fieber und wollte etwas Ähnliches. Ich frage mich, wie das damals gewirkt haben muss, denn zwei Jahre später kam Robert Greenwalds XANADOO heraus, der ähnliche Szenen bot wie in LASERSTURM (ein deutscher Titel von THE MANITOU). Tony Curtis im Cast zu lesen verwirrte mich zunächst etwas. Er spielt den abgehalfterten Wahrsager, der alte Damen aufmuntert, aber sehr glaubhaft und sein passend eingestreuter Humor gibt die richtige Würze. Leider war es der letzte Film von Regisseur William Girdler, der im Alter von 30 Jahren bei einem Flugzeugabsturz auf den Philippinen ums Leben kam. 7/10 (30.04.2020)

HARD TO HANDLE (USA 1933, Mervyn LeRoy)
Als sein Partner das Preisgeld eines Tanzmarathons stiehlt, muss er sich eine Menge einfallen lassen, um die Gewinner zu versöhnen. James Cagney gaunert sich voller spitzbübischem Charme durch diese frühe Pre-Code-Komödie der 30er Jahre, die noch ganz ungezwungen daherkommt und man sich noch auf den Mund küsste. Highlight ist die Schatzsuche ohne Schatz, bei der Hunderte Teilnehmer einen ganzen Vergnügungspark verwüsten. Aber auch die raffgierige Mutter der Freundin ist ein starkes Stück oder die reiche, betagte „Influenzerin“, mit der er sich um standesgemäße Entlohnung streiten muss. Ein kleines Juwel aus dem Warner Archive. 7/10 (23.04.2020)

DOCTOR SLEEP (UK/CA/USA 2019, Mike Flanagan)

Filmische Fortsetzungen von Kubrick-Werken haben es immer schwer. Als Peter Hyams 1984 eine Fortsetzung zum epochalen Vorgänger „2001 - A Space Odyssey“ drehte, schuf er einen durchaus passablen und unterhaltsamen Film, der aber darüber hinaus so wenig vergleichbar war wie ein Fertigteilhaus mit einer Kathedrale. Bei „Doctor Sleep“, einer Adaption des Romanfortsetzung von Stephen King, verhält es sich ähnlich. Hier sehen wir sogar kurzzeitig während einer Reise im Knoten eine Kathedrale, der Film traut sich aber nicht, diese zu etablieren. Wo Kubrick die Drehorte wirken ließ, sehen wir hier Parkbänke, die überall stehen könnten. Und dabei sind wir in den Südstaaten! Überall hängt da Ewigkeiten überdauerndes Moos von den Bäumen, die schwüle Luft mit ihrer morbiden Atmosphäre wäre zum Greifen nah. So richtig bedrohlich wirken die Bösewichte im New-Orleans-Chic mit Hut nicht, da helfen auch die obligatorischen Fulci-Augen nicht. Dabei werden sie ja im Roman als durchaus wohlhabend beschrieben und sollen im Kapital vernetzt sein. Intensiv wird es in der Inszenierung erst, wenn Kinder malträtiert werden, umringt von David-Lynch-Industriebauten. Und all das nur, damit der Zuschauer billigen CGI-Seelenhauch sieht? In der Stummfilmzeit hat man das früher mit Schauspiel gelöst. Vom absurd dargestellten Peter-Pan/Superwoman-Flug ganz zu schweigen. Überraschend plump kommen die musikalischen Ideen daher. Neben wenigen Referenzen zu Penderecki/Ligeti aus „The Shining“ oder den Ray-Noble/Al-Bowly-Schlagern hört man hauptsächlich Herzschläge, die die Spannung beschleunigen sollen. Sehr schade! Da der Film direkt versucht, an Kubricks Vision anzuknüpfen, wurde der Schluss auch geändert und es geht ins Overlook-Hotel. Diese Reise gelingt, und es ist eine Wonne zu sehen, wie das Hotel wieder aktiviert wird. Zugleich fühlt man sich bei soviel Akuratesse der Bauten und des lockenden Fan-Services aber auch an der Nase herumgeführt. Am Ende hatte ich genau das gleiche Gefühl wie nach „2010 – The year we make Contact“: Es war schön und unterhaltsam, zu sehen, wie es weitergeht. Als filmischer Meilenstein wie „Shining“ wird „Doctor Sleep“ allerdings nicht in die Geschichte eingehen. Als unterhaltsamer Zeitvertreib, vor allem angesichts des misslungenem und im gleichen Jahr veröffentlichten „Es Kapitel 2“, durchaus. 7/10 (13.04.2020)

HOT DOG… THE MOVIE (USA 1984, Peter Markle)

Die Anfangsszene des Films könnte aus einem der zahlreichen Psycho-Filme stammen: ein junger, schüchterner Boy-next-Door nimmt eine zerstreute Anhalterin mit, die keine Verwandten mehr hat. Als sie im Motel einchecken, nichts passiert und den nächsten Tag weiterfahren ins Ski-Resort Squaw Valley weiß man, dass hier alles anders ist als man erwartet. Beim Check-in ins dortige „Fantasy Motel“ mit Plüsch-Wänden und Wasserbett in Herzform werden sie gleich von einer nackten Empfangsdame begrüßt, was einem der Produzenten, der im Bonusmaterial davon berichtet auch so gegangen sein soll und er es deshalb in den Film eingebaut hat. Obwohl der Film also gelegentlich gekonnt Russ-Meyer-Terrain streift, geht es aber vor allem um Ski-Fahren, und zwar um das titelgebende „Hot Dog“-Skifahren. Bei diesem „Freestyle“ ging es darum, die Fahrt zum Ballett zu machen, Buckel­pisten zu meis­tern und vom Schnee abzu­heben. Und es ist beeindruckend, wie dynamisch die Kamera das einfängt. Offenbar ist die 35mm-Kamera meist hinter oder parallel zum rasanten Geschehen auf der Piste unterwegs gewesen. So gut choreografierte Sprünge habe ich selten gesehen und man staunt nicht schlecht, wie dramatisch das in Zeitlupe sein kann. In der jetzigen 80er-Retrowelle zeigt der Film aber vor allem, wie die frühen 80er wirklich waren: politisch inkorrekt, sexuell ungehemmt und voller bunter Farben: allein die Ski-Bekleidung und die Vielfalt an Sonnenbrillen ist ein visuelles Fest und weckt zahlreiche Erinnerungen. Das Label Synapse hat den Film in den USA mustergültig restauriert und mit einer langen Dokumentation versehen. Ein Ski-Fest in Zeiten unseres schneelosen Winters. 7/10 (29.02.2020)

IL MIELE DEL DIAVOLO/THE DEVIL’S HONEY (I 1986 Lucio Fulci)

Dass man als Hirnchirurg Eheprobleme nicht mit den OP-Saal nehmen sollte, zeigt Fulcis Film, der im Deutschen den Titel „Dämon in Seide“ trägt. Der Film, welcher erstmals hervorragend restauriert in HD vorliegt, gefällt vor allem wegen der intensiv und glaubwürdig dargestellten Liebesgeschichte zwischen dem Musiker Johnny (der Mickey Rourke verdammt ähnlich sieht) und Jessica. Wenn der Regisseur eine neue Variante zeigt, wie man ein Saxophon einsetzen kann, sieht man gleich zu Beginn, dass man hier keinen x-beliebigen Erotikfilm vor sich hat, sondern ein Drama, bei dem alle Beteiligten tragische Helden sind und der Regisseur große Freude hat, seine Ideen zu auszuinszenieren. Als Zuschauer fühlt man hier immer mit, was ein großes Kompliment ist. Aber auch die Kameraarbeit ist gelungen: Szenen am Meer, auf der Landstraße oder in Venedig machen einen stimmungsvollen Film, bei der Motorradfahrt ist man gebannt. Der Schäferhund mit einer wahrhaft Freudschen Obsession hinsichtlich verschlossener Türen ist da noch das i-Tüpfelchen auf dem Film voller schöner und (gefährlicher) Frauen. 7/10 (28.02.2020)

MANHATTAN BABY/L'OCCHIO DEL MALE/DAS AMULETT DES BÖSEN (I 1982, Lucio Fulci)

Was wäre, wenn Rosemarys Baby groß geworden wäre? Vielleicht ließe sich damit erklären, warum der englische Originaltitel ein Baby erwähnt, obwohl im Film keins vorkommt. Aber Schwamm drüber, denn hier erleben wir noch einmal Fulci auf dem bereits zu verblassen beginnenden Höhepunkt seines Schaffens: große Außendrehs in Ägypten und New York, gute Kameraarbeit (etwa das rote Lampenlicht, welches auf das Gesicht des Mädchens fällt), eine holprige, aber atmosphärische Handlung und ein paar schöne Horror-Einfälle. Besonders die Szenen in Ägypten gefallen, welche die ersten 30 Minuten des Films unvergesslich machen. Selbst an Abenteuerfilme wie INDIANA JONES erinnernde Schockmomente wirken trotzdem sympathisch. Man bekommt ein Gefühl für den Ort und selbst ein Steinboden mit seinen kunstvollen Mustern trägt zur Stimmung des Films bei. Wie Rollin schöpft Fulci allerdings auch aus seinem eignen Werk und baut Referenzen ein: die weißen Augen und das Thema des Tors zum Jenseits aus L'ALDILÀ, Kinderdarsteller Giovanni Frezza, bekannt aus QUELLA VILLA ACCANTO AL CIMITERO aber auch die wiederkehrende, poppige Musik, die wir schon aus PAURA NELLA CITTÀ DEI MORTI VIVENTI kennen. Gegen Ende des Films ist die Handlung stark von Friedkins THE EXORCIST geprägt, was auch kein Wunder ist, hatte doch Friedkin damit den erfolgreichsten Horrorfilm aller Zeiten gedreht, was viele Nachahmer anzog. Dies Fulci vorzuwerfen, finde ich allerdings falsch, da er das Thema trotzdem einigermaßen geschickt in seine Handlung einbaut und einen bei der Vielzahl an Referenzen von DIE MUMIE bis POLTERGEIST den geübten Zuschauer ohnehin nichts mehr wundert. Es war der teuerste Film, den Fulci for Produzent Fabrizio De Angelis gedreht hat. Als das Budget dann um 3/4 gekürzt wurde, konnten allerdings viele Ideen nicht mehr realisiert werden und besonders die zweite Hälfe des Films ist problematisch. Trotzdem ein schöner Abschluss meiner Sichtung einer ganzen Reihe von Fulcis um das Jahr 1980 gedrehten Filme. Wohlwollende 5/10. (27.02.2020)

A KID FOR TWO FARTHINGS (UK 1955, Carol Reed)

„I‘ve got a Unicorn“ ruft der kindliche Hauptdarsteller aus, und plötzlich fühlt auch der Zuschauer, dass wir in ein Zwischenreich der Möglichkeiten kommen; wie im Märchen, als „das Wünschen noch geholfen hat“, wie es bei den Brüder Grimm heißt. Denn der Ort des Geschehens ist ziemlich trist: der hektische Markt auf dem Londoner East End nach Ende des Zweiten Weltkrieges: Dreckige Straßen mit herumfliegendem Müll, Straßenhändler, die gleich am Arbeitsplatz hausen, große Träume und große Desillusionierung zugleich. Der interessanteste Charakter ist sicherlich Kandisky, der sein Leben lang von einer Dampfpresse träumt und alles entbehrt, damit wenigstens Joe seinen Möglichkeitssinn à la Musil nicht verliert. Filme wie diese, ganz aus dem Herzen geboren, schlagen bei mir immer ein wie eine Bombe. Unnötig zu sagen, dass ich hier nicht nur einmal den Tränen nah war, was mir nur bei ganz wenigen Filmen passiert. Denn man sieht gerne die Welt durch die Augen des kleinen Jungen, der vielleicht noch in uns wohnt und erkennt, dass selbst in bitterer Ausweglosigkeit immer noch die heilende Flucht in die Phantasie eine Tür aufstoßen kann. 8/10 (18.02.2020)

SIEBEN OHRFEIGEN (D 1937, Paul Martin)

Siebenmal will Willy Fritsch alias William Tenson MacPhab einen Industriemagnaten ohrfeigen, weil er ihn durch Finanzspekulation um seine sieben Mark gebracht hat. Bei Nennung der Summe merken wir schnell: es handelt sich um eine typisch heitere Screwball-Komödie, wie man sie damals aus den USA kannte. Erich Kettelhut erweckt wie damals schon Metropolis geschickt die Finanzmetropole London im Studio zum Leben. Während das Drehbuch einfältig, aber charmant ist, rettet Willy Fritsch mit seinem stürmisch-heiteren Spiel den zähen Film und trägt ihn. Nach GLÜCKSKINDER (1936) spielt er hier abermals mit Lillian Harvey – zurecht, denn die Chemie zwischen beiden stimmt. Man nannte sie nicht umsonst das „Traumpaar des deutschen Films“ und dies ist ihre 14. und letzte Zusammenarbeit. Alfred Abel, den man aus dem Stummfilm Metropolis kennt, spricht hier und ist ein guter Widersacher. Heitere Muse in einer vorzüglich restaurierten Fassung vom Originalnegativ. Kein Meisterwerk, aber solide inszeniert und gespielt. 6/10 (18.02.2020)

UNA LUCERTOLA CON LA PELLE DI DONNA/A LIZARD IN A WOMAN'S SKIN (I 1971, Luici Fulci)

Ich habe an Fulci immer bewundert, dass er an so vielen unterschiedlichen internationalen Schauplätzen im Laufe seiner Karriere gedreht hat. Sind es später die Südstaaten der USA in FROM BEYOND oder auch New York, kommt man in LIZARD IN A WOMEN'S SKIN (1971) nach London. Aber nicht das London der Swinging Sixties, welches man aus Antonionis BLOW-UP erkennt, sondern das der Hippie-Ära. Fulcis Weltsicht wurde nach dem Tod seiner Frau immer düsterer, und so werden auch die jugendlichen Protagonisten der Gegenbewegung nicht sonderlich positiv gezeichnet. Aber auch die Bourgeoisie wird steif und voller unterdrückter Obsessionen im Split-Screen gezeigt, seit Stevensons gesellschaftskritischem Roman DR. JEWKYLL UND MR. HYDE scheint sich nicht viel geändert zu haben. Umringt werden die Protagonisten von Symbolen der Macht und so wird Architektur in diesem Film interessant in Szene gesetzt. Albert Hall und Woburn Abbey House, etwa. Der Alexandra Palace etwa liefert die Kulisse für eine unheimliche Verfolgungsjagd, die mich mit ihrer überdimensionaler Orgel sogar etwas an CARNIVAL OF SOULS (1962) erinnert hat. Kein Wunder, dass Carol ihren abgründigen filmischen Verlauf nimmt. Und wie visuell beeindruckend er in Szene gesetzt wird: das Spiel mit der Erinnerung, starre Blicke, flauschige Kissen, Körperhorror, Tierhorror, Katakomben, Dächer, Suspense! Typisch für einen Giallo sind auch hier die Damen edel gekleidet und wir betreten ein Milieu, das dem Durchschnittsbriten damals sicher fremd war, das macht schaulustig. Erstaunlich, wie der Film neben seiner vorzüglichen Bildgestaltung und der Musik Morricones eine wirklich spannende Geschichte inmitten seiner wilden Experimentalfilmästhetik erzählt. Bis zum Schluss fiebert der Zuschauer mit und wird mit vielen falschen Fährten verführt. Das Schlussbild zeigt einen Friedhof, um dann zu Touristen auf der Themse zu schwenken. Well done! 7/10 (17.02.2020)

DIE NACHT DER GEJAGTEN/LA NUIT DES TRAQUÉES (F1980, Jean Rollin)
Rollins zweiter Teil seiner Trilogie über katastrophale Unfälle unserer modernen Zeit ist von einer ganz anderen Ästhetik geprägt, als LES RAISINS DE LA MORT oder der spätere LA MORTE VIVANTE. Passend zur futuristisch anmutenden Kernkraft, lässt er die Handlung im seelenlos-kalten Neubau-Arrondissement La Défense spielen. Karges Gestrüpp scheint die Wolkenkratzer zu erobern, menschgemachte Wasserflächen werden im tosenden Sturm zu reißenden Gewässern. Derweil verschütten drinnen an rätselhafter Amnesie leidende Patientinnen Hummersuppe und schlafwandeln durch die hoffnungslos kalten, sinnentleerten Gänge. Der Film lässt einen unweigerlich an Cronenbergs Großwerke wie SHIVERS oder RABID denken, krankt aber an eigentlich allen, plump inszenierten und überflüssigen Erotikszenen, die seine Geldgeber zu seinem Leidwesen einforderten. Wenn der vermeintliche Retter dann aber plötzlich Walzer tanzt ist man sofort wieder in Rollins surrealer Welt. Die stärkste Szene ist sicher die unfassbar poetische, minutenlange Schlusseinstellung, die ohne ein Wort zu verlieren, alles sagt. 6/10 (16.02.2020)

LA SIRÈNE DU MISSISSIPI/DAS GEHEIMNIS DER FALSCHEN BRAUT (F 1969, François Truffaut)
Ein Jahr nach den Unruhen im Mai 1968 kam der neue Truffaut ins Kino, nach dem Roman WALTZ INTO DARKNESS von Cornell Woolrich. Revolutionär geht es allerdings nur in der dem Film vorangestellten Widmung an Truffauts Vorbild, Jean Renoir, zu, bei dem ein Ausschnitt aus LA MARSEILLAISE (1938) gezeigt wird: die Wiedervereinigung zwischen Regierungstruppen und Revolutionsgarde. Danach ist der Film reif für die Insel, und zwar die danach benannte Insel La Réunion, die früher Île Bourbon, hieß, richtig: von da kommt die Vanille. Die prinzipiell spannende Handlung ähnelt Hitchcock, vor allem Marnie und Vertigo, was kein Zufall ist, galt Truffaut doch in der Redaktion der Cahiers du Cinéma zu den glühenden Verehrern und hat ihm mit seinem Interviewband MR. HITCHCOCK, WIE HABEN SIE DAS GEMACHT? ein Standardwerk verfasst. Dem Zuschauer wird hier vieles geboten: Tote Vögel, Koffer mit und ohne Geld, eine sprichwörtliche Leiche im Keller, Cabrios, Schnee und eine nackte Hauptdarstellerin. Dazu noch ein Schuss Lokalkolorit à la Jean Rouch und ein Belmondo, der wie aus einem seiner Actionfilme importiert wirkt, etwa, wenn er ohne Stuntman flink eine Häuserfassade hochklettert, sich den Rest des Films aber sichtlich bremst, um als ruhiger Saubermann in Form eines typisch-romantischen Truffaut-alter-Egos durchzugehen. Und da kommen wir auch schon zum großen Problem, dass der Film hat: Belmondo und Deneuve sind für sich genommen großartige Schauspieler*innen, hier wirken sie aber völlig fehlbesetzt. Zwischen beiden herrscht so viel knisternde Chemie wie zwischen Depp und Jolie in THE TOURIST, nämlich keine. Die spielen zwar, aber sie transportieren nichts, wodurch die ohnehin rasante Handlung umso unglaubwürdiger wirkt und dadurch das dramatische Ende völlig in den Sand, pardon, Schnee gesetzt wird. Hinzu kommt, dass Antoine Duhamel hier eine der schlimmsten und anstrengendsten Filmmusiken seiner Karriere abgeliefert hat. Man hätte sich hier eher etwas vom Stile Herrmanns gewünscht, der mit Truffaut bei dem schönen DIE BRAUT TRUG SCHWARZ zusammengearbeitet hatte. Nach dem Film vertraute Truffaut nur noch Georges Delerue die Vertonung seiner Filme an. Warum ich mir trotzdem die neue Blu-Ray des Films geholt habe? Zum einen, weil er zum ersten Mal in Cinemascope erlebbar ist, nachdem jahrzehntelang nur eine alte MGM-DVD in beschnittenem 1,66:1 vorlag. Dadurch sieht man den Film erstmals in seiner visuellen Pracht, wie er gedacht war. Zum anderen ist die Insel La Réunion ist der heimliche Star über weite Strecken des Films. Die Fahrt durch die Palmenallée, die Plantagen, die Kirche, der große Baum, unter dem die beiden sich verliebt unterhalten, die an Vertigo erinnernde Fahrt durch die Hauptstadt, die großen Schiffe am Hafen, so wie die Exotik, die hier mitschwingt. Interessant fand ich, dass der Himmel immer ziemlich verhangen war, was gut zur Stimmung des Films passte. Leider war das in der Mitte des Films schon wieder vorbei, als es in ein Frankreich geht, das aus einem Chabrolfilm stammen könnte. Als Fazit könnte man an Stroheim angelehnt sagen: A film you love to hate. Unvergesslich ist er auf jeden Fall. 6/10 (01.02.2020)

HÖHLE DER GESETZLOSEN/CAVE OF OUTLAWS (USA 1951, Willam Castle)
Der spätere Horrorregisseur William Castle macht hier eine Höhle zum Star: Carlsbad Caverns National Park in New Mexico. Erstaunlich, wie sie zur Verwandlung imstande ist, sobald sich die Protagonisten des Films aus ihren unterschiedlichen Motiven in sie hineinschrauben. So unterschiedlich wie ihre geologische Formation ist aber auch dieser Western, der auch ein Film noir, Krimi oder Sozialdrama hätte sein können. Denn bei der Rückkehr aus dem Gefängnis, biedert sich eine ganze Stadt dem Ex-Sträfling an, um an das vermeintliche Gold zu kommen. Alexis Smith als Elizabeth Trent zieht sich ihr prächtigstes Gewand an, damit es auf Technicolor auch dem Zuschauer die Sinne im sonst grau-matschigem Western-Einerlei betört. Mit einem besseren Hauptdarsteller wäre noch einiges mehr drin gewesen. So bleiben nur 6/10 Punkte.

SIE TANZTE NUR EINEN SOMMER!/HON DANSADE EN SOMMAR (S 1952, Arne Mattsson)
Ein Film als einzige Rückblende: denn gleich zu Beginn erfahren wir, dass die attraktive Hauptdarstellerin dieses „Schwedenfilms“ bereits nicht mehr ist. Zwei Jahre vor Bergmans grandiosem DIE ZEIT MIT MONIKA ist hier nicht die Ehe das Ende des unschuldigen Glücks, sondern die ätzend-reaktionär und fundamental-religiöse Dorfgemeinschaft, für die das Wort Hinterwäldler geradezu erfunden worden scheint. Ein Lehrstück, dass man sich als Abiturient aus der Stadt zwar in ein Bauernmädchen verlieben kann, aber die Liebe eben nicht alles bezwingt, wie es sonst auf Kühlschrankmagneten heißt. Wenn Ulla Jacobsson im Bonusmaterial erzählt, dass es damals tatsächlich so in der schwedischen Provinz zugegangen sei, ist man umso mehr entsetzt. Es ist nur folgerichtig, dass vier Jahre später James Dean in den USA mit REBEL WITHOUT A CAUSE die Jugend verführerisch aufbegehren ließ gegen ängstliche Eltern und muffige, destruktive Institutionen. Arne Mattssons Film hat eine an sich spannende Handlung und man fragt sich ständig, wie wohl Bergman es inszeniert hätte. Denn die Bildkompositionen sind wie das dargestellte Dorf: einfältig, der Schnitt bieder und die Handlung träge. Trotzdem fühlt man gerne das kurze Glück der jugendlichen Darsteller mit, denen scheinbar die ganze Welt zu Füßen liegt, wenn sie zusammen sind, wie Gott sie schuf. 5/10 Punkte.

MÖDERSPINNEN/KINGDOM OF THE SPIDERS (USA 1977, John „Bud“ Cardos
Was ist, wenn der Monsanto-Bauer so viel gespritzt hat, dass jenseits der Profitsteigerung kein Kerbtier mehr auf den Monokulturen Arizonas übrigbleibt? Richtig! Dann übernehmen die achtbeinigen Spinnenfreunde das Ruder und setzen Mensch und Tier auf ihren Speiseplan. Eine ähnliche Öko-Alptraumversion schuf ein Jahr später auch Jean Rollin mit LES RAISINS DE LA MORT (1978), wo der Winzer so viel Pflanzenschutzmittel ausbrachte, dass der nette Erntehelfer von nebenan zum bösen Zombi mit Jenseitsallüren wurde. Bei MÖRDERSPINNEN hat aber einer schnell den Durchblick: William Shatner ist geradezu geschaffen, um in seiner schnodderigen Art die Handlung voranzutreiben. Dabei baggert er auf Altherrenart gerne alles an was weiblich ist und zwei statt acht Beine hat und zeigt, dass er vor keiner (harmlosen Vogel-)Spinne Angst hat. Hut ab vor soviel Mut, das muss man ihm lassen. Denn wir lernen schnell, dass die putzigen Kerlchen auch Autos und Flugzeuge durch ihr listiges Spinnenwerk zerstören können! Am Ende des sehr unterhaltsamen Streifens fühlt man sich an Hitchcocks DIE VÖGEL erinnert, etwas einfallslos, aber durchaus passend. Besonders schön ist, dass der Film wirklich im Canyon-Staat Arizona gedreht wurde. Die typischen Berge und Ebenen geben herrliche Bildkompositionen, in die sich jeder, der mal dort war, ohnehin unsterblich verliebt haben dürfte. Ein Gute-Laune-Film! 7/10 Punkte.

MR. SARDONICUS (USA, 1961, Willam Castle)
Was für ein bunter Film, dabei ist er ganz in schwarzweiß: Eine Mischung aus „THE MAN WHO LAUGHS”, „NOSFERATU” (Die Kutschfahrt!) einem Schuss Franju, einprägsamen Lottospiels, eloquenten Adeligen à la Hammer Studios und viel Spaß! Wenn das Schloss als Totenkopf dargestellt wird, weiß man eigentlich gleich, was hier gespielt wird und vermutet hundertmal gesehene Klischees. Aber trotzdem gelingt es Zauberkünstler Castle ganz, uns mit in die Geschichte hineinzunehmen und uns alles für bare Münze nehmen zu lassen, was er uns auftischt. Die geschliffenen Dialoge schaffen es, dass wir der Handlung bereitwillig folgen. Mit der der Blu-Ray-Edition beiliegenden, im Dunkeln leuchtenden Karte konnte man für ein Ende abstimmen. Daumen hoch auch für den kenntnisreichen Audiokommentar mit Robert Zion! 7/10

DIE NACHT DES TODES/ LA NUIT DE LA MORT! (F 1980, Raphaël Delphard)
Wer meint, Rollin sei Ende der 70er der einzige hartnäckige Genreregisseur-Gallier, der einer radikalem Autoren-Filmkritik in Frankreich widersteht, irrt gewaltig. Raphaël Delphard legt uns hier seine Visitenkarte hin und zeigt, dass man Bourgeoisiekritik nach Buñuel und Chabrol im Film noch toppen kann, dass es kracht (und spritzt). Elf Jahre nach Narciso Ibanez Serradors LA RESIDENCIA und drei Jahre nach Argentos SUSPIRIA kommen wir hier nicht in ein Mädcheninternat oder eine Balettschule, sondern passend zur heutigen Rentnerrepublik in eine weitere geschlossene Institution: eine Seniorenresidenz. Deren hoher Verschleiß an Arbeitskräften macht schnell argwöhnig und so erfahren wir recht schnell, dass hier die Ausbeutung der Arbeitskraft im Dienste der ungewöhnlich langlebigen Heimbewohner bluternst genommen wird. Am 28. des Monats herrscht helle Freude, wenn es da um die Wurst geht. Der Film besticht vor allem durch die tiefe Zeichnung aller Protagonisten. Jeder hat eine Hintergrundgeschichte, die jeden noch so Buñuelesken Bewohner realistisch erscheinen lässt. Am spannendsten ist sicher der psychotische Hausangestellte mit Herz. Schon allein die Szene in seiner Wohnung zeigt seine Zerrissenheit. Aber auch die Inszenierung und Kameraarbeit ist herausragend. Wenn die Heimbewohner des nachts mit expressionistisch verzerrten Gesichtern durch die Gänge streichen, mit Blick in die Kamera und damit den Zuschauer, fühlt man sich selbst in die Enge getrieben. Neben ungeheuer realistischen Körperhorrorszenen gibt es aber auch immer skurril-komödiantische Stellen: Etwa, wenn die bezaubernde Isabelle Goguey alias Martine sich auszieht und die gesamte Hausgemeinschaft ihr lechzend dabei zusieht! Das nenne ich gelungenes Affektmanagement! Überhaupt hat man mit Martine endlich eine denkende, kluge und selbstbewusste Frau (ihrem „Freund“ schreibt sie, dass sie ihm nicht auf der Tasche liegen will), die ganz anders agiert als die hilflosen Argento-Dummchen in seinen märchenartigen Spielhandlungen. Ob ihr das hilft, finden wir am Ende des vielschichtigen, spannend und überraschend erzählten Films heraus. Herausragende 8/10!

QUEEN OF THE DESERT/DIE KÖNIGIN DER WÜSTE (USA/MAR 2015, Werner Herzog)
Werner Herzogs Spielfilm QUEEN OF THE DESERT ist vielleicht mit 36 Mio. $ Produktionskosten sein aufwendigster in der letzten Zeit. Er erzählt von Gertrude Bell, die bekanntermaßen bei der Neuordnung Arabiens nach dem Ersten Weltkrieg als Beraterin mitgewirkt hatte. Gleich zu Beginn des Films wird am Tisch mit T.E. Lawrence und Churchill die Bedeutung dieser Frau hervorgehoben, die geopolitischen Karten gemischt und Gertrude Bell ehrfürchtig eingeführt. Wer nun aber denkt, Herzog drehe einen zweiten Monumentalschinken à la David Lean, der irrt. Er will es gar nicht. Im Interview sagte er, dass sein Produzent ihm eines Tages die Briefe und Tagebücher Bells gegeben hätte und er ihnen sogleich verfallen sei. Wir erleben hier sozusagen Herzogs GERTRUDE BELL. Ähnlich Fellinis CASANOVA eben Fellinis Sicht auf die Figur ist. Oft wird Herzog nur an seinen frühen Erfolgen wie FITZCARRALDO und AGUIRRE gemessen, aber er hat davor und danach unzählige eindrucksvolle Dokumentarfilme gedreht, mit Menschen, die aus der Reihe fallen, für ihre Träume kämpfen und die Poesie noch nicht aus ihrem Leben verbannt und gegen Geld getauscht haben. Ob in der Antarktis oder bei den Urmenschen. Durch diese Brille gesehen erlebt man mit QUEEN OF THE DESERT in der Tat einen waschechten Herzog: eine Frau, die in der falschen Umgebung verkümmert wäre, aber in der Wüste zum Mittler wird, die mit Beduinenfürsten über Rimbaud, Baudelaire und das Wesen von Vergils Gedichten spricht, die in der Wüste ein Bad nimmt! In einer schönen Szene will sie ein gekochtes Ei und der Diener antwortet, dass er noch nie ein Ei gekocht habe. Er fragt, wie lange fünf Minuten seien, weil die Wüste keine Zeit kenne. „So lang wie ein Gebet“, antwortet sie. Das sind typische Herzog-Szenen. Auch, wie er sich viel Zeit nimmt, die Kamele an der Tränke zu filmen, wie glücklich sie danach aussehen und wie sie schnauben und schreien. Man bekommt hier ein unmittelbares Gefühl, wie sich das weite Land anfühlt, wie es riecht und wie es ist, über porzellanartigen Salzboden zu laufen. Kurz: die Schönheit und Poesie der Welt einzuatmen. Man sieht Bell immer wieder mit schwarzer Tinte Briefe schreiben, das wirkt sehr authentisch und würde man so vermutlich heute kaum anderswo gefilmt sehen. Bei ihren Liebhabern ist es ähnlich, der eine geht immer auf den Berg, wenn er einsam ist. Auch der Humor kommt nicht zu kurz, ganz aus dem Geschehen heraus: der versuchte Kuss bei dem Aasgeier, eine herrlich absurde Szene. Nicole Kidman spielt ihre Rolle ziemlich überzeugend, auch wenn man eben immer Nicole Kidman sieht. Auch Robert Pattison spielt nicht so affektiert wie O’Toole, aber doch liebevoll-träumerisch und erinnerungswürdig, etwa in der Szene, als er wild zwei Tigerbabies in die Kamera als Symbol des Empires hält. Auch die Rolle der Fotografie ist interessant, wenn Gertrude immer wieder Gruppenbilder schießt und diese dann im Film recht lang gezeigt werden. Am Ende, beim Nachsinnen über Englands politische Ambitionen in Arabien sagt T.E. Lawrence im Film: „Ich fürchte um mein Land, wenn ich daran denke, dass Gott gerecht ist.“ Solche Zeilen wirken lange nach und kommen nur gelegentlich vor. Herzog will in diesem Film eben nicht erklären oder belehren, sondern uns eher wieder die Augen öffnen für Poesie und Kultur, die uns seit Jahrtausenden täglich gratis umgibt; die Empathie, auf Fremde mit Liebe zuzugehen und die Demut vor der Natur. Weniger Verstand, sondern mehr Gefühl. Ein Film mit ein paar Schwächen, den man mehrmals sehen sollte, um die manchmal allzu glatte Oberfläche zu durchbrechen. Sehenswert!