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SÄV, SÄV, SUSA

Q&A zum Film SÄV, SÄV, SUSA anlässlich seiner Deutschlandpremiere auf dem 18. Flensburger Kurzfilmtagen am 16. November 2018. Prof. Jim Lacy interviewte Patrick Müller (Filmemacher).

J: Willkommen in Flensburg! Glückwunsch zum Film und toll, dass du da bist. Kann ich eine Frage stellen, bevor ich zu den Inhalten komme? Du hast auf 16mm gedreht, der Film sieht super cool aus. Warum dreht niemand mehr auf Film?
P: Ich kenne eigentlich viele, die derzeit auf Film drehen. Gerade in der Experimentalfilmerszene ist das wieder interessant. Ich beobachte, dass heutzutage diejenigen, welche auf Film drehen, sich stark vernetzt haben. Man trifft sich mehrmals jährlich, tauscht sich aus. Denn Filmemachen ist auch Handwerk: es geht ums Entwickeln, was ist zu tun, wenn der Film reißt, wie es bei SÄV, SÄV, SUSA bei minus 15°C der Fall war, etc. Film ist ein wunderbar poetisches Medium: das Filmkorn fängt gewissermaßen die Seele der Objekte ein. Dadurch verschönert es vielleicht auch das eine oder andere Projekt. Von daher kann ich nur dafür plädieren, es einmal mit Film zu versuchen!

J: Und Andec, die gibt es noch? Die Firma, die das Material entwickelt hat.
P: Andec ist eine der größten Entwicklungsfirmen in Europa. Das Schwarzweiß-Material ist Fomapan aus Tschechien. Nach dem Dreh habe ich es persönlich vorbei gebracht. Eine Woche später war es entwickelt. Es ist immer wie Weihnachten und Silvester zusammen, wenn man es zum ersten Mal durch den Projektor laufen sieht. Dann ist man glückseelig.

J: Toll! Eine super Entscheidung finde ich das Schwedische. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber die beste Popmusik kommt aus Schweden! Ich kann es mir auch als Abba-Musikvideo vorstellen. Ich liebe diesen Klang.
P: Das gibt es!

J: Was? Es gibt es ein Abba-Lied zu deinem Film?
P: Nicht Abba, aber vielleicht kennt jemand die Band Mando Diao. Sie haben ein ganzes Album nur mit Gustaf-Fröding-Liedern gemacht, was ich aber erst danach entdeckt habe. Vor einigen Jahren habe ich den einzigen aktuellen Übersetzer kennengelernt, der Fröding jahrzehntelang kongenial ins Deutsche übersetzt hat. Klaus-Rüdiger Utschick in München. Ein richtiger Renaissancemensch: er singt, spielt Klavier und brennt und lebt für diese Texte. Als ich ihn fragte, ob ich SÄV, SÄV, SUSA, eines der schönsten schwedischen Gedichte, verfilmen darf, sagte er: Gerne, da spreche ich den Text gleich ein. Das war super, weil erst dadurch der Film so richtig lebt.

J: Und Fröding hat nicht einmal so weit von dir gewohnt, er hat in Görlitz gelebt. Das hat eine regionale Bedeutung. Er war dort im Sanitorium, war krank und hat dort gelebt. Vielen Dank für den Film, toll, dass du da bist.
P: Vielen Dank!

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THE COLOUR OUT OF SPACE

Q&A zum Film THE COLOUR OUT OF SPACE anlässlich seiner Deutschlandpremiere auf dem 31. Internationalen Filmfestival Braunschweig am 20. Oktober 2017. Clemens Williges interviewte Patrick Müller (Filmemacher) und Uwe Rottluff aka WellenVorm (Komponist).

C: THE COLOR OUT OF SPACE, die Kurzgeschichte von Lovecraft, ist seit den 60er Jahren mehrfach verfilmt worden. War das dein Ansporn, der Geschichte etwas völlig Neues abzugewinnen?

P: Die Geschichte selbst kannte ich tatsächlich bis dahin nur vom Titel her und bin völlig unbefangen herangegangen. Es begann vor einigen Jahren, als Lomography diesen seltsamen, lilafarbenen 16mm-Farbnegativfilm auf den Markt gebracht hatte. Über all im Internet war die Frage, was man denn damit anfangen solle: Die Menschen sähen krank aus und die Pflanzen sind in seltsamen Farben dargestellt. Da ist mir Lovecrafts THE COLOUR OUT OF SPACE in den Sinn gekommen, in welcher in Teilen der Geschichte die Natur transformiert wird, andere Farben hat und sich der Horror langsam und in vielen Andeutungen, unheilvoll ausbreitet, ohne allzu konkret zu werden.

C: Ja, ich denke, das ist dir gelungen. Kommst du von der Literatur her, oder vom Material?

P: Gewissermaßen beides. Aber die starke Beschäftigung mit Lovecraft als Autor ist erst nach dieser Filmidee erwachsen. Ich kannte von ihm zu Beginn nur die Verfilmungen anderer seiner Werke, insbesondere diejenigen von Stuart Gordon. Meine Version von THE COLOUR OUT OF SPACE ist jedoch völlig ohne Kenntnis der späteren Verfilmungen entstanden, etwa die von Huan Vu aus dem Jahre 2010. Diese habe ich mir bewusst erst danach angesehen.

C: Du bist also nicht in der Lovecraft-Szene? Die Weltpremiere hatte dein Film ja auf dem H.P. Lovecraft Festival in Oregon, Portland. Wie ist er dort aufgenommen worden, also von Leuten, die viel stärker in der Materie stecken?

P: Positiv! Das freut mich natürlich sehr.

C: Gibt es Fragen aus dem Publikum?

Publikum: Wo hast du das gedreht?

P: Ich habe den Film in England gedreht, im Dartmoor. Dabei habe ich versucht, Entsprechungen zu den Originalschauplätzen zu finden. Das verfluchte Gebiet, „Die verfluchte Heide“ heißt es bei Lovecraft, ist nun das Dartmoor. Man kennt es vielleicht aus Arthur Conan Doyles „Der Hund der Baskervilles“. Da ist der Ort auch verflucht, weil Sir Hugo Baskerville einst im Krieg ein Mädchen zu Tode gehetzt hatte, weil es ihm nicht zu Willen war. Und auch für den Meteoriten habe ich eine Entsprechung gesucht und gefunden: Avebury! Manchen kennen den Ort vielleicht von Derek Jarmans Super-8-Film JOURNEY TO AVEBURY. Ähnlich Stonehenge hat man dort diese Steinkreise, welchen eine besondere Magie verströmen sollen. Ich habe dort zwar keine Farbe gesehen *schmunzelt*, aber es war schon etwas ganz Besonderes. Dergleichen Analogien habe ich für den Film gesucht, der mittels vieler Andeutungen arbeitet. Man kann also dem Film auch folgen, wenn man die Geschichte, Lovecrafts Lieblingsgeschichte, noch nicht kennt.

C: Große Bedeutung für das Gesamterlebnis hat auch die Musik von WellenVorm, also von dir, Uwe. Hast du zu den Bildern komponiert oder war das ein wechselseitiger Prozess?

U: Das Stück ist aus meinem Album, PETRIFIED FOREST. Grundsätzlich sind meine Konzerte so angelegt, dass den Leuten Bilderwelten entstehen sollen, während sie zuhören. Im Januar 2017 hatte ich ein großes Konzert in Chemnitz gegeben: mit Lasershow und dem Versteinerten Wald. Patrick war Zuhörer und ist begeistert an mich herangetreten, ob er das Stück für seinen Film verwenden kann.

P: Diese kleine Melodie, welche sich ganz langsam aufbaut und stärker wird, hat für mich unglaublich mit dem Stoff korrespondiert: die Farbe, welche sich ganz langsam mit dem einhergehenden Grauen einschleicht. So wie ich mit analogem Filmmaterial arbeite, nutzt Uwe analoge Synthesizer, die eine besondere Wirkung haben.

U: Was mir immer auffällt ist, wie gut meine Musik zu Patricks Filmbildern passt, eine Verzahnung. Ich habe bereits schon mehrere seiner Filme vertont, morgen läuft zum Beispiel WALPURGISNACHT.

C: Ich kann das nur bestätigen. Eine Frage habe ich doch noch: Wenn ich mir deinen Film anschaue, kommt es mir doch vor wie ein Stummfilm mit Musik. Habt ihr euch schon einmal überlegt, eine Art Live-Event mit einer Sammlung deiner Filme zu machen?

P: Das gab es schon vor ein paar Jahren, als einige meiner Kurzfilme bei den Chemnitzer „Tagen der Industriekultur“ von Uwe livevertont wurden. Ich habe ihn und seine Musik da zum ersten Mal kennengelernt. Stummfilmkonzerte, also Livemusik und Film, üben auf mich immer einen besonderen Zauber aus.

C: Vielen Dank!

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WALPURGISNACHT

Q&A zum Film WALPURGISNACHT anlässlich der Projektion als Vorfilm zu Robert Eggers THE VVITCH: A NEW-ENGLAND FOLKTALE auf dem 31. Internationalen Filmfestival Braunschweig am 21. Oktober 2017. Clemens Williges interviewte Patrick Müller (Filmemacher) und Uwe Rottluff aka WellenVorm (Komponist).

C: Patrick, du bist der Regisseur von WALPURGISNACHT. Häufig erlebe ich, wenn ich ins Kino gehe, dass die Verfilmung nicht viel mehr zu sein scheint, als eine simple Bebilderung für Leute, die zu faul sind, das Buch zu lesen. Bei dir habe ich das Gefühl, dass du ebenso stark vom Bild wie von der literarischen Vorlage her kommst.

P: Das stimmt. Die literarische Vorlage, das Gedicht WALPURGISNACHT von Theodor Storm, ist in den Werkausgaben des Autors nur sehr selten zu finden. Von Anfang an übte es eine ganz besondere Anziehungskraft auf mich aus. Als ich den Film plante, im Jahr 2013, nahte tatsächlich die Walpurgisnacht. Ich hatte damals den Prototyp der neuen Super-8-Filmkamera, die Logmar, zur Hand und experimentierte mit ihr. Dabei drehte ich nur mit verfügbarem Licht, ASA500-Material. Visuell deutet der Film oft nur an, manches ist sogar nur schemenhaft erkennbar. Zum Beispiel der Wolf, das Denkmal des letzten Wolfes in der Lausitz. Oder die zahlreichen Tiere, welche symbolisch für Hexerei stehen. Sie verlocken und verführen, so dass aus der Maid eine Dirne wird.

C: Uwe, du hast die Musik gemacht. Sie steht in einer Tradition wie die früheren Tangerine Dream. Das kommt mir zu Ohren dabei.

U: Es waren meine ersten musikalischen Gehversuche, dass ich mich an Tangerine Dream angenähert habe. Es hat aber einen eigenen Charakter, weil ich ein ganz besonderes Instrument bei diesem Stück eingesetzt habe. Es nennt sich Haken Continuum, ein Instrument mit einer Neopren-Oberfläche, und damit gleitet man mit den Fingern. Dadurch hört man diesen singenden Sound, welchen man nicht mit Klavier oder Tasteninstrumenten erreichen kann. Das ist ganz prägend für meine Musik geworden. Es ist das erste Stück, in dem ich es ganz exponiert eingesetzt habe. Es klingt etwas wie ein Theremin. Das ist übrigens ein Instrument, was Tangerine Dream noch nicht verwendet hat.

C. Das stimmt. Noch eine abschließende Frage: Vimeo und Youtube haben einerseits den Kurzfilm universell verfügbar gemacht, das heißt, man kann auch als wenig bekannter Künstler seine Werke veröffentlichen, während der Kurzfilm auf Festivals immer stärker verdrängt wird. Ihr beide seid ja Künstler aus Leidenschaft, habt aber einen ganz anderen Brotberuf. Ist es das Modell der Zukunft, dass man Kunst als leidenschaftlicher „Amateur“ machen muss?

P: Ich würde an dieser Stelle einfach David Lynch zitieren, der einmal jungen Filmemachern riet: „Sucht einen Beruf, der es euch erlaubt, genügend zu essen, zu trinken und zu schlafen, denn nur dann könnt ihr kreativ sein.“ Und dann legt einfach los.

C: Vielen Dank!